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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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142 VII. Mineralogie und Krystallographie bis Bravais,

tischen Erscheinungen", welche wirklich eine neue Bahn eröffneten.Immerhin bedürfte es noch einer exakteren mathematischen Durch-arbeitung der von ihm erschlossenen Gedankenreihen, nnd dafürwar nicht leicht eine geeignetere Kraft als diejenige zn finden, dienunmehr an das neue Problein herantrat.

A. Bravais (18111863) gehört zu den begnadeten Geistern,denen es gegeben ist, mit gleicher Sicherheit und Leichtigkeit dieNaturwissenschaft durch die Beobachtung, durch das Experimentund durch die Handhabung des Kalküls zu fördern. UrsprünglichMarineoffizier, nachmals Professor und Akademiker in Paris , hater sein seltenes Talent mit Vorliebe in den Dienst der Geophysikgestellt, deren Interessen auch seine Reisen gewidmet waren; von1822 bis 1833 hielt er sich in Algerien , später längere Zeit inder Schweiz und in den italienischen Alpen auf; wichtiger warjedoch die 1838 bis 1839 unternommeneNordexpedition".An ihr nahmen außer Bravais noch V. C. Lottin (1795 bis1853) und C. F. Martins (18061889) teil, und es war mitihr ein Winteraufenthalt in dem norwegischen Küstendorfe Bossekop(in Finnmarken) verbunden, welcher namentlich zu interessantenBeobachtungen über Ebbe uud Flut, über alte Strandlinien undüber das Polarlicht verhalf. Bravais arbeitete unter anderem überdie Bewegung des Sonnensystemes, über die Beeinflussung einesKegelpendels durch die Erdrotation, über den merkwürdigen farb-losen Regenbogen, als dessen Ursache er das Herabsinken des Durch-messers der Wasserkügelchen uuter eiue gewisse Minimalgrenze er-kannte; er bestimmte neu die Geschwindigkeit des Schalles unddarf wohl als der berufenste Vertreter der meteorologischenOptik seiner Epoche gelten; er vervollkommnete endlich die Methodender thermometrischen Hvhenmessnng nnd wies die Abnahme dermagnetischen Intensität mit der Höhe nach. Hierzu bedürfte esder Bergbesteigungen, uud auch diese hatte er auf sein Programmgeschrieben, indem er seinen Freuud Martius auf das Faulhoruund, im Jahre 1845, sogar auf den Gipfel des Montblanc begleitete.Dies war der Mann, der den inneren Bau der Krystalle mit derFackel der Forschung zu beleuchten unternahm, und er war hierzudurch seine vielfachen rein geometrischen Untersuchuugen, die unter