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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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Fortschritte in der Statik.

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Lichte, von der Wärme und von den sogenannten Impondera-bilien nnter dem Gesamttitel Wellen lehre zu vereinigen, aberauch dann noch begnügte man sich meistenteils, einige allgemeine,aus der Betrachtung der Flüssigkeitswellen abstrahierte Lehrsätzean die Spitze zu stellen und von denselben sür die einzelnen Dis-ziplinen eine Nutzanwendung zu machen.

Die Mechanik der starren Körper wurde als ein Teil derangewandten Mathematik betrachtet, und Mathematiker waren esauch, welche ihr neue Gedanken vorzugsweise zuführten. DerStandpunkt, den die Lehre vom Gleichgewichte, die Statik, nachAblauf eines Vierteljahrhunderts erreicht hatte, wird sehr gut ge-kennzeichnet durch die von I. N. P. Hachette (17691834) be-sorgte sechste Ausgabe (1826) des zu seiner Zeit mustergiltigenIraite elemsritairs äs static>us" von G. Monge. Man würdekaum einer Übertreibung geziehen werden, wollte man behaupten,daß dieses klare uud abgeruudete Lehrsystem sachlich identisch mitjenem wäre, welches in der späteren römischen Kaiserzeit der genialePavpus von Alexandria in seinerNÄtusmatieg. Oollsetio" zu-sammengestellt hat. Die Zusammensetzung und Zerlegung derKräfte erfolgt nach bekannten Vorschriften; daran reihen sich diestatischen Momente und die Lehre vom Schwerpunkte; endlichwerden dieeinfachen Maschinen" vorgeführt uud auf ihre Gleich-gewichtsbedingungen geprüft. Eine immer häufiger anzutreffendeZuthat bestand darin, daß man den Satz vom Kräfteparallelo-gramm, den schon Aristoteles am Spezialfalle erkannt und denmanche ältere Generation, nnter Newtons Vortritt, ehrlicherweiseals unbeweisbares Axiom hingenommen hatte, jetzt mit umständ-lichen analytischen Beweisen im Stile Cauchys und Poissonsversah, die nur dadurch, daß man das zu Beweisende bereits ganzgut kannte, überhaupt ermöglicht worden waren.

Auf den nicht bloß formal, sondern auch im innersten Wesengewaltigen Fortschritt, den 1834 L. Poinsot durch seine Ein-führung der Kräftepaare oder Koppeln erzielt hat, war bereitsuufer dritter Abschnitt hinzuweisen verpflichtet. Wenn eine Anzahl vonKräften auf jenes System materieller Punkte wirkt, das man einenfesten Körper nennt, so kann eine Fortbewegung oder eine Drehung

Günther, Auorgaiiijchc Nalurwissenschasten, 10