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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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146 VIII- Die Physik im Zeitalter vor Entdeckung deS Energieprinzipes.

oder endlich eine aus beiden Formen gemischte Bewegung die Folge sein.Bislang hatte man dies natürlich gerade so gut gewußt, aber manwar nicht vermögend gewesen, die adäquate mathematische Form zufinden. Noch in Poissons mit Recht hervorragenderMechanik"(Paris 1811 und 1836), deren zweite Auflage der GöttiugerMathematiker M. Stern (1307 1894) seinem Volke zugänglichgemacht hat, werden alle Kräfte aus zwei, im allgemeinenwindschief zu einander liegende zurückgeführt, und derenWirkungsweise ist schwer zu übersehen. Poinsot dagegen erhältzum Schlüsse eine Kraft und ein Paar; erstere besorgt dieFortbewegung, letztere die Drehung, so daß, weuu gar keine Be-wegung stattfinden soll, sowohl die resultierende Kraft, wie auchdas Moment des resultierenden Paares gleich Null sein mnß.Indem man die sogenannte Achse des Paares, das graphischeBild des Momentes, als den maßgebenden Repräsentanten betrachtet,kann man mit Paaren ganz die gleichen Zusammensetzungen undZerlegungen vornehmen, wie sie sonst mit Kräften allein üblichwaren, uud es ist insbesondere, unter einem mehr philosophischenGesichtspunkte, die absolute Gleichberechtigung von Trans-lation und Rotation zum Ausdrucke gebracht. Welch großeVorteile die Jngenieurwissenschafteu aus deu ueuen PoinsotscheuTheorien gezogen haben, dies darzulegeu ist hier uicht der Ort.

Die analytische Mechanik stand schon frühzeitig vor der Not-wendigkeit, einen durchgreifenden Unterschied zu machen zwischendenjenigen Anfgaben, bei deren Losung der Kraft- und Zeit-begriff eine Rolle spielt, und denjenigen, welche sich von diesemfrei erhalten. Letztere gehören in die Kinematik oder Geometrieder Bewegung, wovon später; erstere bilden das Objekt derDynamik. Die Physik als solche hat mit der füglich znr reinenMathematik zu rechnenden Kinematik weniger zu thun, und ihrePflege war denn auch immer wesentlich den Geometern überlassen,uuter denen M. Chasles (17931880) hervorragend zu uennen ist.Die Dynamik hatten ausgezeichnete Mathematiker einer früherenEpoche ans gewissen generellen Grnndlehren herzuleiten gewußt, ausdem Prinzipe von D'Alembert und aus demjenigen der vir-tuellen Geschwindigkeiten, darin bestehend, daß man für jede