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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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152 VIII- Die Physik im Zeitalter vor Entdeckung des Energieprinzipes.

sache der Haarröhrchenkraft oder Kapillarität, wie man sichnachmals ausdrückte, wußte auch er nicht anzugeben. Nahm manQuecksilber statt Wasser, so sah man abermals etwas Unerwarteteseintreten; in gewöhnlichen Röhren scheint diese spezifisch schwersteFlüssigkeit von der Wandung abgestoßen zu werden, so daß sichder bekannte Meniskus herausbildet, während enge Röhrcheneher eine Senkung des erwähnten Meniskus bemerken ließen.Eine erste Theorie der Kapillarität, welche darin das Richtige traf,daß sie aus die zwischen Flüssigkeit und festen Körpern wirkendenMolekularkräfte Bezug nahm, entwickelte Clairaut 1743 in seinerberühmten Schrift über die Erdgestalt, aber in ein System gebrachtwurde dieser neue Zweig der Naturlehre erst durch den großenLaplace, der in den Jahren 18061807 jene zwischen den un-endlich benachbarten Kvrperteilchen thätigen Kraftäußernngen ana-lytisch untersuchte, welche die Kohäsion und Adhäsion zur Folgehaben. Zwischen beiden Formen einer von der allgemeinen Schwereverschiedenen Anziehung war früher kein hinlänglich scharfer Unter-schied gemacht worden; jetzt erfuhr man, daß Kohäsion nur zwischenden Partikeln des nämlichen, einer Trennung widerstrebendenKörpers und Adhäsion nur zwischen den Partikeln der Grenz-schichten zweier sich berührender verschiedener Körper obwaltet.Wiegt die Adhäsion vor, wie es bei Wasser und Glas der Fall ist,so steigt die Flüssigkeit in einer Röhre am Rande auf, und wirkonstatieren die kapillare Elevation; wenn anders die Kohäsion,der innere Zusammenhalt, der kräftigere Faktor ist, so erhebt sichdie Mitte gegenüber den Randpartien, und es liegt kapillareDepression vor. Eine bestimmte Flüssigkeit bildet mit einem gleich-falls bestimmten Röhrenmateriale einen sich immer gleichbleibendenWinkel, den sogenannten Randwinkel; dessen Größe kann ge-messen werden, und damit ist ein Maß zur Ermittlung des Ver-hältnisses zwischen Ad- und Kohäsion gegeben. Auch manche anderebisher unbegriffene Wahrnehmung fand jetzt ihre natürliche Deutung.So war bereits Borelli darauf aufmerksam geworden, daß, wennman zwei unter kleinem Winkel gegeneinander geneigte Glasplattenin Wasser tauchte, letzteres in hyperbolischen Knrvenzügen an denPlatten in die Höhe stieg nach Laplace ebenfalls eine der