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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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Osmotische Erscheinungen.

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Vielen Offenbarungen des Kapillaritätsphänomenes. Daß noch langenicht alle Schwierigkeiten behoben waren, beweist n. a. Poissonserneute Bearbeituug dieser Theorie (1831), durch die jedoch dievon seinem Vorgänger aufgestellten Hanptsätze nicht etwa als un-begründet, sondern lediglich die zu deren Beweise dienenden Methodenals fortbildungsfühig erwiesen wurden.

Von dem Akte der Bewegung in dünnen Röhrchen hatte maneinstweilen abgesehen, zufrieden, den schon recht schweren Fall desGleichgewichtes dem Verständnis erschlossen zu haben. Darüberhinaus gingen G. H. L. Hagen (17871884), einer der be-rühmtesten Hydrotechniker, die Deutschland je besessen hat, undI. L. M. Poiseuille (17991869), ein Mediziner, der sich mitSpekulationen über die Art der Aufnahme von Arzncistosfen durchden menschlichen Organismus abgab und dadurch auf die Strömungs-erscheinungen in den Kapillaren hingelenkt ward. Er fand, daßdie Flüssigkeitsmenge, welche in gegebener Zeit die Röhre Passiert,der vierten Potenz des Durchmessers proportional ist, während beiÖffnungen von normaler Weite ersichtlich nur das Quadrat inFrage kommen kann. Mit dem Durchgange von Flüssigkeiten undGasen steht in naher Beziehung der Durchgang durch poröseScheidewände, der zu den osmotischen Erscheinungen ge-hört. Rollet, einer der geschicktesten Experimentatoren des17. Jahrhunderts, hatte entdeckt, daß sich, wenn man Wasser undAlkohol durch eine tierische Membran trennt, nach einiger Zeitauf deren beiden Seiten eine Mischung beider Flüssigkeiten be-findet; dieselben sind durch die unsichtbaren Öffnungen der Hauthindurchgedrungen. Parrot, N. W. Fischer, am umfassendstenaber R. I. H. Dutrochet (17761847) verfolgten diesen Vor-gang der Diffusion, indem sie auch die Verschiedenheit der Ge-schwindigkeiten beachteten, mit welchen der Strom von der einenund von der anderen Seite her die Blase passierte. Man suchtenach Gründen, welche diese Flüssigkeitswandernng verständlichmachen konnten, und H. G. Magnns (18021870) wies auf dieKapillarität als auf die eigentliche Ursache hin; die ursprünglichgehegte Ansicht, daß irgend eine spezifische organische Funktion in-mitten liege, mußte aufgegeben werden, nachdem man gesehen hatte,