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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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Gesetze der statischen Elektrizität.

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sich nicht minder bewährte, als 1848 im Kieler Hafen elektrischeSeeminen gelegt wurden, und die, wie jetzt männiglich bekannt,allein die Möglichkeit ozeanischer Grundkabel verbürgte. Wieman in solchen unterseeischen Leitungen Beschädigungen zu erkennenund zu heben vermöge, zeigte Siemens noch im gleichen Jahre.Im August 1850 wurde die Kabelverbindung Dover-Calais ein-gerichtet, nnd obwohl anfänglich zum öfteren Zerreißungen vor-kamen, so wußte man diesen Hemmnissen bald erfolgreich zu begegnen.Die weiteren Fortschritte der galvanischen Telegraphie würden unsüber den Zeitraum, auf den wir uns hier zn beschränken haben,weit' hinausführen, und überhaupt dürfte den Anwendungen desStromes durch unsere bisherige Darstellung genügend Rechnunggetragen sein.

Dagegen übrigt uns die Pflicht, der Theorie der statischenElektrizität, so wie sie sich in der ersten Hälfte des neuen Jahr-hunderts herausgebildet hatte, einige Worte zu widmen. Im großenund ganzen war die geistige Bewegung auf diesem Arbeitsfelde imAnfange keine sehr lebhafte; es fehlte an den Handhaben für denhöheren Kalkül, und nur wenige der großen französischen Mathe-matiker, die doch sonst so eifrig nach Gelegenheiten zur Bethätigungihrer analytischen Virtuosität suchten, zogen auch die Elektrizitäts-lehre in den Kreis ihrer Bestrebungen. Das Problem der Ver-teilung statischer Elektrizität auf geometrischen Flächen,die naturgemäß geschlossen und stetig gekrümmt sein müssen, be-handelte erfolgreich Poisson, indem er es als einen Ausfluß derTheorie jener merkwürdigen Funktion anffaßte, welche uns alsPotential im zweiten Kapitel begegnet ist. Er bewies als dererste für dieselbe die Existenz einer partiellen Differentialgleichung,von der sein großer Vorgänger Laplace nur einen besonderenFall betrachtet hatte. Das geschah im Jahre 1311, und erst 1828begann Green, den wir auch bereits kennen, mit einer mehr syste-matischen Darstellung der theoretischen Elektrostatik vorzugehen.Ob Gauß, der 1839 seine sehr allgemeinen Untersuchungen überdie nach dem New ton sehen Gesetze wirkenden Kräfte publizierte,Greens Arbeiten kannte, ist, da letztere selbst in England nurganz geringe Verbreitung gefunden hatten, mindestens zweifelhaft:

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