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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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222 IX. Die Chemie vor der Trennung in ihre beiden Hauptbestandteile.

Zeichensprache, welche er in Vorschlag brachte, hat sich nicht durch-zusetzen vermocht. Immerhin war doch ein großer Erfolg erzielt,indem eine Wissenschaft, in der vor wenigen Jahren noch demZufalle ein großer Spielraum gegönnt schien, eine zuverlässige,mathematische Begründung erfahren hatte. Zum äußeren Erfolgetrug neben Thomson besonders Wollaston bei, obwohl die vonihm gebrauchte Terminologie nicht so klar wie die ursprünglichewar. Die Probe freilich hatte die atomistische Hypothese bislauglediglich bei ganz niedrigen Zahlen der Atomverbindung bestanden;ob sich m Atome eines bestimmten Elementes mit v Atomen einesanderen Elementes verbinden könnten, blieb, falls nicht m ^ 1 undii eine kleine ganze Zahl bedeutete, unentschieden. Über Daltouging zuerst Gay-Lussac hinaus, der durch seiue uns ausdem vorigen Abschnitte erinnerlichen Studien über den Zu-sammenhang zwischen Druck, Volnmen und Temperatur der Gasevon selber auf die Frage nach der inneren Struktur der im gas-förmigen Zustande befindlichen Körper hingeleitet worden war.Er bewies, daß z. B. zwei Naumteile Kohlensäure sich unter allenUmständen aus 1 Raumteil Sauerstoff und zwei RaumteilenKohlenoxyd zusammensetzen, und daß allenthalben im Bereiche derGase analoge einfachste Beziehungen obwalten. Darüber, daß dieseletzteren nur eine Konsequenz der Atomtheorie seien, hegte Gay-Lussac keinen Zweifel, aber Dalton selbst wollte ihm hierinuicht beistimmen. Er gab nicht zu, daß für Volumina richtig seinköune, was er für seine Atome dargethan zu haben glaubte; Gay-Lussac sei nur dann im Rechte, wenn er zeige, daß alle Gase ingleichem Raume eine gleiche Menge von Atomen enthielten. DerEinwurf war nach dem damaligen Wissensstande kein leicht zunehmender, aber durch die früher erwähnte Entdeckung des GrafenAvogadro verlor die anscheinende Diskrepanz zwischen denSchlüssen des britischen und des französischen Chemikers ihreubedrohlichen Charakter. Denn diese Entdeckung gipfelte ja eben inder Annahme, daß, modern gesprochen, gleiche Nünme bei sämt-lichen Gasen von einer gleichen Anzahl von Molekülen erfüllt zudenken sind. Der später so geläufig gewordene Gegensatz zwischenAtom und Molekül ist von Avogadro erstmalig betont worden;