244 IX. Die Chemie vor der Trennung in ihre beiden Hanptbestandteile.
Schmerz, die innigen Beziehungen, welche ihn mit dem frühergleichgesinnten Liebig verknüpften, sich mehr und mehr lockern zusehen. Der Briefwechsel zwischen beiden Männern liefert denSchlüssel für einen Vorgang, der in der Geschichte der Wissenschaftzwar nicht selten, darum aber doch nicht weniger betrübend ist.Im nächsten Abschnitte werden wir einen der weniger häusigen,erfreuenden Fälle kennen lernen und erfahren, wie in einer Streit-frage, die mindestens die gleiche Tragweite besaß, die Lossagungdes jüngeren Fachgenossen von dem Standpunkte des älteren sichohne jedwede Verstimmung vollzog; Berzelius vermochte dieseResignation nicht zu übeu und geriet so allmählich in das Hinter-treffen. „In den letzten Jahren," so kennzeichnete der jüngere undsiegreiche der beiden Gegner nachmals das Verhältnis, „wo Ber-zelius aufhörte, experimentellen Anteil an der Lvsnng der Fragender Zeit zu nehmen, wandte sich seine ganze Geisteskraft theore-tischen Spekulationen zu; aber nicht getragen und nicht gestütztdurch eigene Anschauung, fanden seine Ansichten keinen Wiederhalloder Anklang in der Wissenschaft." Es ist dieser tragische Aus-gang umsomehr zu beklagen, weil eben doch die erste Hälfte unseresJahrhunderts durch deu konstruktiven Geist und das systematischeTalent eben dieses Mannes, soweit die Chemie in Betracht kommt,ihren eigentlichen Stempel erhalten hatte. Nachtragsweise bemerkenwir noch, daß Berzelius der wahre Urheber einer exakt wissen-schaftlichen Behandlung der vor ihm jeder Organisation entbehrendenZoochemie gewesen ist; sein einschlägiges Werk (in unsere Spracheübersetzt von Schweigger-Seidel, Nürnberg 1815) gab die erstegenauere Übersicht über die chemische Natur der Flüssigkeiten,welche im tierischen Körper zirkulieren.
Dumas ' Radikaltheorie war, wie wir uns überzeugten, vielenseiner Zeitgenossen auch in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortesallzu „radikal", und selbst Gerhardt, der doch im allgemeinenauf denselben Wegen wandelte, suchte zwischen jener und den sonstgeläufigen Vorstellungen einen Kompromißversuch anzubahnen.Aus solchen Erwägungen heraus entstand im Jahre 1839 dieNesttheorie („tkisoriö des rssiZuZ"). Wenn zwei Körper auf-einander chemisch einwirken, so wird diese gegenseitige Beeinflussung