Ansänge der physikalischen Chemie.
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bisherigen, so ungemein farbenreichen Entwicklung der theoretischenChemie muß man es hinstellen, daß Avogadros Gesetz, aus demdie rationelle Atomistik nicht lange nachher wie aus einem er-giebigen Brnnnen zn schöpfen gelernt hat, ganz in den Schattengetreten war. Gerhardt hat es wieder hervorgezogen und dahingewirkt, daß man wieder daran dachte, dasselbe zu einer der Grund-lagen der theoretischen Chemie zn machen, obwohl seine undLauren ts Bestrebungen längere Zeit wenig Teilnahme fanden.Die des letzteren wohl hauptsächlich deshalb, weil Liebig eineseiner gewohnten scharfen Kritiken gegen dessen Art zu arbeitengerichtet hatte; gleichwohl hat Lanrent gezeigt, daß man alsExperimentator Fehler begehen und deswegen doch ein scharferchemischer Denker sein kann. Und bald sollte die Zeit kommen,welche die Forscher den Ideen der beiden zuletzt genaunten Männerwieder näher brachte und der Ungewißheit über den Sinn derWorte Atom- und Molekulargewicht ein Ende bereitete. Der ganzenZeitrichtung entsprach es, daß auch dieser Fortschritt von derorganischen Chemie ausging, welche immer entschiedener auf ihreSelbständigkeit und auf eine auch äußerliche Scheidung von derälteren Schwester hindrängte. Daß dies keine tiefer gehende, grund-sätzliche, sein konnte, während vielmehr gerade jetzt eine gewisseIsolierung, in welche die Chemie ihrer Nachbarwissenschaft, derPhysik, gegenüber gekommen war, wieder anfhörte, leuchtet ein;nur systematische und wesentlich didaktische Gründe sprachen dafür,anorganische und organische Chemie als zwei selbständige Disziplinenzu behandeln.
Eine eigentliche physikalische Chemie gab es zwar nochnicht, uud es hat diese Disziplin, wie sich noch ergeben wird, erstziemlich viel später nach ihrer Autonomie zu trachten begonnen,aber an Material für eine solche fehlte es jetzt schon nicht. Nebenmehreren Arbeiten Faradays mnßte insbesondere die wichtigeExperimentaluntersuchung in Betracht kommen, welche P. A. Favre(1813—1880) im Vereine mit F. T. Silbermann (1806—1865)über die bei der Verbrennung erzeugte Wärme angestellthatte. Wenn man Kohle in verschiedenen Gasen verbrennen ließ,gelangte man auch zu verschiedenen kalorimetrischen Werten. Dies