260 IX. Die Chemie vor der Trennung in ihre beiden Hauptbestandteile.
Lob muß man den großen Lehrern zollen, welche unter oft ärmlichenVerhältnissen jüngere Generationen zum chemischen Denken undSchauen zu erziehen verstanden. In Frankreich freilich lagen dieDinge von Anfang an günstiger, und wir wissen, wie die geist-vollen Experimentalvvrträge eines Gay-Lussac und Thenard dem jungen Liebig imponierten. Auch Großbritannien hattefrühzeitig den richtigen Weg betreten. Nicht bloß die großenMittel der Ro^al Institution, an welcher H. Davy wirkte, dessenglänzende Vorlesungszyklen den jungen Farad ay in seine Lauf-bahn riefen, dienten teilweise didaktischen Zwecken, sondern auchandere Anstalten verbanden die Lehre mit Praxis und Forschung.So war beispielsweise das Laboratorium von Guys-Hospital dieStätte, an welcher der nach London übergesiedelte Genfer A. Marcetdie Chemie so anregend lehrte, daß der ihn hörende Berzelius ,keineswegs mehr ein Anfänger in seinem Fache, die Notwendigkeiteiner Reform des akademischen Lehrberufes erkannte und von daan nicht mehr aufhörte, den Vorlesungsversuch als den Mittel-punkt des Unterrichtes zu betonen. Das chemische Institut, welchesnachmals der Prinzgemahl Alfred begründete, und welches durchdie Berufung A. W. Hofmanns (1818 — 1392) zu verdienterBerühmtheit gelangte, beruhte auf dem gleichen Grundgedankeneiner iunigen Verbindung der beiden Hauptpflichten des Hochschul-lehrers, positives Wissen mitzuteilen und zu selbständiger Forschungzu erziehen.
Die Anzahl der diesem Ideale gerecht werdenden Universitätenwar jedoch in Deutschland , dem wir in dieser Epoche auch Öster-reich-Ungarn anzugliedern gehalten sind, noch eine geringe. Daskleine Altdorf hatte zwar schon im 17. und 18. Jahrhundert, unterder geistigen Führung der beiden Mediziner Hosmann, ein treff-lich eingerichtetes Laboratorium besessen, nnd seit 1740 etwa hatteauch Göttingen , wo A. v. Hallers Einfluß bestimmend war, diedamals für die Heilkunde als notwendig erachteten Institute er-halten. Aber noch um 1840 konnte weder in Berlin noch inWien ein regelrechter Lehrgang in der Chemie eingehalten werden,wie ihn die Zeit erfordert hätte, und unr stellenweise bestandengut eingerichtete Werkstätten der Wissenschaft, vorab in Göttingen