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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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Faradays Bruch mit den Fernkräften.

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Der Name Faraday , der zunächst im Vordergrunde unsererDarstellung stehen wird, ist uns kein neuer. Wir haben diesenMann von einzigartiger, schier unvergleichlicher Genialität in derPhysik und in der Chemie als einen Erfinder und Entdecker aller-ersten Ranges zu würdigeu gehabt. Aber die spezifische Art seinerGenialität will uns dann, wenn wir nicht nur in seine thatsächlichenLeistungen, sondern auch in seine theoretischen Ansichten einen Einblickgewinnen wollen, als eine von allen Beispielen, die man heran-zuziehen geneigt sein möchte, grundverschiedene erscheinen. Dennalle die Forscher, welche neuen Anschauungen über Materie undBewegung zum Durchbruche verholfen haben, waren hohe mathe-matische Talente, deren Hauptstärke darin bestand, die natürlichenGeschehnisse in das abstrakte Gewand der Größenlehre zu kleidenund aus den so erhaltenen Resultaten das gesuchte Gesetz heraus-zulesen. Davon kann bei Faraday nicht die Rede sein; er hatnie, obwohl seine Denkweise ohne Frage eine höchst exakte war,konstruiert oder gerechnet, und seine Methode hat nichts gemeinmit derjenigen seines großen Vorläufers Newton oder derjenigender Gelehrten, welche seinen Jdeengang in so fruchtbarer Weisefortführten und ausgestalteten, eines I. Clerk Maxwell (1831 bis1879), Hermann v. Helmholtz (1821 1894) und HeinrichRudolf Hertz (1857-1894). Am nächsten kommt in dieser Hin-sicht, bezüglich der Energie reinen, nicht durch die Analysis ge-stärkten und geleiteten Nachdenkens über Naturvorgänge, dem eng-lischen Meister der andere Held dieses Abschnittes, R. Mayer^allein dieser war weit davon entfernt, ein großer Experimentatorzu sein, und ist anch nicht, wie Faraday , von dieser Seite herzu seinen Konzeptionen gekommen. Und noch in einer anderenBeziehung hat des letzteren Stellung in der Geschichte seinerWissenschaft einen besonderen Charakter. Wer da weiß, wie häufiggerade in den Naturwissenschaften ein bedeutender Fortschritt da-durch erreicht wurde, daß ein glücklicher Forscher in dem vor ihmaufgeschlagenen Buche der Natur noch ein paar Seiten weiterblätterte, als ein ihm sonst vielleicht gleichwertiger Vorgänger, werda weiß, wie oft bedeutsame Neuerungen gewissermaßen in derLuft liegen und dann beinahe gleichzeitig unter den verschiedensten

Günther, Anorganisch- Naturwissenschaften, 21