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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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Der Begriff der Kraftlinien.

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über diesem Pole befindet." Oersted war ein Anhänger der vonden Naturphilosophen aufgestellten, aber dnrch deren sonstiges Ge-bahren so ziemlich nm allen Kredit gebrachten Meinung, daßsämtliche Naturkräfte nur verschiedene Äußeruugsformenein und derselben obersten Naturkraft seien, und hatte dieserÜberzeugung in einigen Schriften, die jedoch keinen großen Leser-kreis gefunden haben dürften (Ideen zu einer neuen Architektonikder Naturmctaphysik", Berlin 1802;Ansicht der chemischen Natur-gesetze, durch die neueren Entdeckungen gewonnen", ebenda 1812)Ausdruck verliehen. Die Drehung der Polarisationsebene dünkteihm, der hier in der That einen prophetischen Blick bewährte, dafürzu sprechen, daß auch das Licht eine elektromagnetische Er-scheinung sei.

Nun trat zn diesem neuen Erscheinungskomplexe die vonFarad ay entdeckte Induktion hinzu, und für deren Erklärungließ die übliche Erklärnngsweise noch mehr im Stiche. Zwei Draht-kreise standen nebeneinander, und wenn dnrch den einen der gal-vanische Strom hindurchgeschickt ward, so zeigte sich beim Schließenund Öffnen des letzteren ein vorübergehender Strom auch iu demzweiten Ringe, der, wie es hieß, in den elektrotonischen Zu-stand versetzt worden war. Mit dieser Namengebung war freilichfür die Einsicht in den Hergang nichts gewonnen; gewiß befandsich der zweite Draht in einer Art von Spannung, die in denerwähnten Augenblicken sich in Bewegung umsetzte, aber der Be-wegungsantrieb war nicht zu erkennen. Endlich, im Jahre 1832,trat Faraday mit einer Interpretation dieses Impulses hervvr,und zwar hielt er sich zunächst an den großen Magneten Erde .Zwischen deren beiden Polen sei ein unendlich dichtes Bündel un-sichtbarer und gegen den magnetischen Äquator hin immer weiterauseinander weichender Kurven ausgespannt, und diese Kraftlinienversetzen einen in ihrer Wirkungssphäre befindlichen Leiter selbst inden magnetischen Zustand. Was für die Erde galt, ließ sich unschwerauf jeden bipolaren Magneten übertragen. Schon Faraday be-dient sich mit Vorliebe einer symbolisierenden Ausdrucksweise,welche von der Bewegung des fließenden Wassers herübergenommenist, und Maxwell hat diese Terminologie, die dadurch eine sehr

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