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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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Zßg XI. Der große Umschwung in der naturwissenschaftlichen Prinzipienlehre.

setzungen die mittlere Geschwindigkeit berechnet, mit welchersich die Moleküle eines Gases, je nach dessen besonderer Natur,bewegen, allein damit war natürlich noch keineswegs entschieden,zwischen welchen Grenzwerten diese Geschwindigkeiten schwankenund wie sie sich wohl im Inneren einer erwärmten Gasmasse ver-teilen mögen. Au und für sich sind sehr große und sehr kleineGeschwindigkeiten nicht ausgeschlossen, aber es ist nicht wahr-scheinlich, daß sie häusiger vorkommen, und von vornherein wirderwartet werden dürfen, daß eine Geschwindigkeit um so häufigerauftritt, je weniger sich ihr numerischer Ausdruck von dem Mittel-werte unterscheidet. Dasselbe Gesetz, welches in der Wahr-scheinlichkeitsrechnung das Vorkommen von Fehlern ver-schiedenen Betrages regelt, ist nach Maxwell für dieVerteilung der Geschwindigkeiten unter den Gasmole-külen maßgebend. Man hat, was der britische Physiker zuerstnur durch eine geniale Induktion gefunden hatte, später noch mitstrengeren Beweisen versehen. Unabhängig hiervon, jedoch wesent-lich auch durch Betrachtungen, die einen geometrischen Wahrschein-lichkeitscharakter an sich tragen, ermittelte Clausius die mittlereWeglänge der Gasmoleküle, und Maxwell fand eben dafüreinen sich nur durch den konstanten Faktor nnterscheideuden Wert.Damit war bewiesen, daß von ungeheuren Strecken, welche dieGaskörperchen mit gigantischer Schnelligkeit in unmeßbar kleinenZeiträumen dnrchfliegen sollten, im allgemeinen gar keine Redesein könne, und somit konnte man auch nicht mehr aus denDiffusionsvorgängen, die sich ja freilich sehr laugsam voll-ziehen, einen gewichtigen Einwand gegen die mechanische Wärme-lehre herleiten, wie dies Buys-Ballot und K. E. G. Joch-mann (18331871) versucht hatten. Eine Falle, die S. TolverPreston (geb. 1844) ebenderselben Anschauung sehr geschickt zustellen gesucht hatte, war von Clausius unschädlich gemachtworden. Denken wir uns, so lautete des Ersteren Argument, einengeschlossenen Zylinder durch einen genau anschließenden, aber inbeliebiger Richtung frei beweglichen Stempel zunächst in zwei gleichgroße Teile geteilt, und geben wir in die beiden Hälften zweiGase von ungleichem Diffusionsvermögen. Dann bewegt sich das