Druckschrift 
Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
362
Einzelbild herunterladen
 

Z62 XI. Der große Umschwung in der uatnrwisscnschaftlichen Prinzipienlehre.

blicklich bewegen, sah sich auch nach dieser Seite hin eine wichtigeVeränderung anbahnen, durch welche, zunächst so gut wie aus-schließlich unter dem Einflüsse Maxwells, eine Verschmelzungzweier anscheinend grundverschiedener Doktrinen über das Wesender Materie eingeleitet ward.

Faradays einsam dastehende, von den meisten Zeitgenossennicht sowohl mißachtete, als vielmehr wegen ihrer Neuheit undFremdartigkeit mit einer gewissen Scheu betrachtete Ansichtenhatten selbst in England zunächst nur geringe Anerkennung ge-funden. Da unternahm es im Jahre 18S5 Maxwell, sozusageneinen Kommentar zu den betreffenden Aufsätzen des Meisters znschreiben uud darin zu zeigen, daß diese Ansichten nicht nur einersehr ausgedehuteu Verwendbarkeit fähig, sondern auch für diemathematische Analyse durchaus nicht so unzugänglich seien, wieman gemeiniglich glaubte. Von diesen Abhandlungen Maxwells,welche ursprünglich der gelehrten Gesellschaft der Universität Cam-bridge eingereicht waren und, in deren Verhandlungsbänden ab-gedruckt, vielen unter den kontinentalen Gelehrten notwendig un-bekannt bleiben mußten, besitzen wir erfreulicherweise eine trefflichedeutsche Bearbeitung von L. Boltzmann (geb. 1844), der unterden deutschen Physikern zweifellos als der beste Kenner und Fördererdieses Untersuchuugsgebietes gelteu muß. Maxwell erinnert daran,daß die mathematischen Formen, in welche seit Lag ränge undLaplace alle auf Massenanziehung und Fernkrüfte bezüglichenWahrheiten gehüllt werden, ohneweiters ihre Brauchbarkeit auchbei ganz anders gearteten Problemen beibehalten, in deren Fassungnicht einmal das Wort Kraft vorkommt. Ersetzt man die Bezeich-nungen Anziehungszentrum, beschleunigende Kraft undGravitationspotential durch die dem Anscheine nach grund-verschiedenen Bezeichnungen Wärmequelle, Wärmegefälle undTemperatur, so ergiebt sich, wie dies zuerst W. Thomson dar-that, eine vollkommene Analogie in den Formelsystemen, welcheeinerseits, und ganz unabhängig von einander, für die Massen-attraktion und andererseits für die Wärme leitung auf-gestellt worden waren. Und doch soll in ersterem Falle die Wir-kung sich durch unermeßliche Räume, im zweiten nur von