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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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XII. Der Werdegang der Spektralanalyse.

rolle in der Ausbildung des neuen Wissenszweiges beschieden war,wollte 1855 die Konstanz der Spektrallinien, auf welche eshauptsächlich ankommt, nicht oder doch nur sehr bedingt anerkennen.Weit näher kam der bahnbrechenden Erkenntnis der geniale Mathe-matiker Julius Plücker (18011868), der seine tiefen, abervon der Mitwelt uicht recht verstandenen geometrischen Forschungenkurz zuvor unmutig verlassen hatte und sich nun viele Jahre langausschließlich der Experimentalphysik widmete, um erst am Abendeseines Lebens zu seiner Jugendliebe zurückzukehren. Sein getreuerMitarbeiter, der Bonner Universitätsmechaniker H. Geißler (1814bis 1879), hatte seit 1354 die berühmten, seinen Namen allenZeiten überliefernden Röhren aus Glas zu konstruieren angefangen,welche, verschiedenartig geformt und mit Gasen im Zustande denk-barster Verdünnung angefüllt, im Lichte des durchschlagendengalvanischen Funkens die jetzt auch dem Laienpublikum bekannten,wunderbaren Lichterscheinungeu ergeben. Diese GeißlerschenRöhren boten Plücker willkommene Gelegenheit, die Zerleguugs-kraft des Prismas auch an einem neuen Objekte von ungewöhn-licher molekularer Beschaffenheit zu erproben. Er überzeugte sich,daß ein und dasselbe Gas auch immer das nämliche Spektrumproduzierte, so daß also mit Eindeutigkeit von der Art desSpektrums auf die Natur des erzeugenden Gases ge-schlossen werden konnte. Allein Plücker blieb zunächst beidieser immerhin noch vereinzelten Beobachtung stehen und unter-ließ es, dieselbe weiter auszubeuten. Überaus erwähnenswert istauch, was Talbot, der Mitersinder der Photographie, bereits 1826äußerte, und man hat wirklich den Eindruck, daß derselbe schonden Vorhof des Mysteriums hinter sich hatte und nur die Handauszustrecken brauchte, um den Vorhang von dem verschleiertenBilde herabzuziehen. Er hielt dafür, daß gewisse Körper auch ihrebesonderen Linien im Spektrum zugeordnet besäßen, und sprachdaraufhin die prophetischen Worte:Wenn diese Ansicht sich alsrichtig herausstellen und als auf andere bestimmte Linien anwendbarergeben sollte, so würde ein Blick auf das prismatische Spektrumeiner Flamme genügend sein, um darzuthun, daß Substanzen vor-handen sind, welche sonst nur durch mühsame chemische Analyse