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XII. Der Werdegang der Spektralanalyse.
Linien gesichert erschien. Man begnügte sich jedoch nicht, das spektro-skopische Verfahren an Stoffen zu erproben, mit denen die Wissen-schaft schon früher, und auf anderem Wege, Bekanntschaft geschlossenhatte, sondern Bunsen stellte 1860 und 1861 im Caesium undRubidium auch zwei neue Alkalimetalle nnd Elemente dar, vonderen Existenz man nichts gewußt hatte. Die chemischen Reak-tionen, welche bislang das wertvollste Mittel zur Unterscheidungunbekannter Stosse an die Hand gegeben hatten, sind denen derKaliumsalze so ähnlich, daß ohne die wunderbare Hilfe des Lichtesjene beideu Individualitäten sich vielleicht noch lange unter er-borgter Hülle versteckt haben würden. Auch für das Lithium,welches unter anderem als Bestandteil der Zigarrenasche auftritt,wurden neue Darstellungen ermittelt. Und wieder dauerte es nurein Jahr, da gesellte sich den vorhandenen noch ein fünftes Metallder Alkalireihe hinzu, das Thallium, um dessen Einordnung indie Liste der Metalle sich W.Crookes (geb. 1832) und C. A. Lamy (1820—1878) verdient machten. Einen analogen Fortschritt brachtedas Jahr 1862, indem, wieder durch seine charakteristischen Linien,das Element Gallium vou zwei Freiberger Amtsgenossen, demChemiker R. I. Richter (1823—1869) und dem uns schon wieder-holt entgegengetretenen Physiker Reich, als solches erkannt ward.Es bildet einen regelmäßigen Begleiter gewisser Zinkerze und besitztgroße Ähnlichkeit mit dem Alnmininm, gerade wie auch das Indium,dessen Identitätsnachweis — ein neuer, wenn auch schon spätererTrinmph der Spektralanalyse — dem französischen ChemikerP. F. Lecoq de Boisbaudran (geb. 1838) im Jahre 1875 gelang.Zum guten Teile war durch diese Entdeckungen die Reihe der Elementeabgeschlossen, und man wäre fast ans die Vermutung geführtworden, daß noch weitere derartige Funde nur durch die zerlegendeKraft des Lichtstrahles zu bewerkstelligen sein möchten. Es wäredies aber eine Überschätzung des freilich überaus fruchtbaren Unter-snchungsmittels gewesen, denn wie unsere Verfolgung der Chemiein der zweiten Jahrhunderthälfte ausweisen wird, ist eine neuegroße Errungenschaft auf diesem Gebiete recht eigentlich ein Produktchemischer Denkkraft und erst in zweiter Linie auch ein solches dervervollkommneten praktischen Methoden gewesen.