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XII. Der Werdegang der Spektralanalyse.
Eine so wesentlich verbesserte Vorrichtung mußte denn aucheinen tiefen Einblick in die optischen Verhältnisse der untersuchtenObjekte und nicht minder in die chemische Struktur der Gase undDämpfe liefern. Kirchhofs legte den Gesamtinhalt der von ihmnnd seinem Freunde augestellten Forschungen nieder in der be-rühmten Abhandlung „Untersuchungen über das Sonnenspektrnmund die Spektren der chemischen Elemente", von welcher die preußischeAkademie 1862 eine Separatausgabe veranstaltete. Dieselbe gliedertsich in eine mehr chemische, den vorwiegenden Einfluß Bunsensbekundende nnd in eine physikalische Abteilung, deren Hauptaufgabees ist, das schon besprochene Verhältnis von Emissions- und Ab-sorptionsvermögen schärfer zu bestimmen. Es hat sich später, wieM. K. E. Planck (geb. 1858) nachwies, gezeigt, daß die Aus-sühruugen Kirchhoffs, der sich auf einem noch ganz jungfräu-lichen, unbearbeiteten Boden bewegen mußte, einiger Berichtigungbedürfen, indem jene „schwarzen" Oberflächen, auf die fortwährendBezug genommen wird, in Wahrheit nicht existieren oder doch nochnicht exakt genug definiert werden konnten; auch die Annahmenüber die Funktion von Wellenlänge und Temperatur, welche dascharakteristische Verhältnis der Fähigkeiten, Licht auszuschicken undzu verschlucken, regelt, sind nicht einwurfsfrei. Deswegen bleibt nichtweniger wahr, daß hier die erste mathematische Theorie der Spektral-analyse entwickelt und damit eine Grundlage gelegt worden ist,auf welcher spätere Geschlechter getrost sortbauen konnten. Mehrin die Angen fallend war noch, was Kirchhofs über die Naturder Sonne mitzuteilen wußte. Daß Eisen, Calcium, Magnesium,Natrium nnd Chrom in größerer Menge, andere Elemente dagegennur in Spuren den über dem Sonnenkörper schwebenden Dämpfenangehören, mußte man, wollte man nicht die Berechtigung desganzen Untersuchungsverfahrens in Zweifel ziehen, als Thatsachehinnehmen, so wenig die ganz neue Perspektive, die sich nun er-öffnete, so Manchem einleuchten mochte, der ganz in dem — ausunserem fünften Abschnitte bekannten — Wilson-HerschelschenGedankenkreise befangen war. Die UnHaltbarkeit der physikalischenVorstellung, es könne über einem dunklen Körper ein Mantelglühender Gase schweben, ohne daß nicht dnrch Strahlung nnd