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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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XII. Der Werdegang der Spektralanalyse.

Wir sind dem Zusammenhange zuliebe, wie das in diesemWerke schon mehreremale der Fall war, über das chronologischeNiveau hinausgegangen, auf welchem sich unsere Darstellung sonstbewegte. Es war unsere Absicht, wesentlich nur das eine Jahrzehnteinheitlich zu schildern, welches mit Kirchhoffs und Bunsensersten Arbeiten über die Spektralanalyse seinen Ansang nimmt,noch dazu ohne mehr als gelegentliche Rücksicht aus die schon indiesem Zeitraume kraftvoll emporstrebenden astrophysikalischen An-wendungen. Namentlich die großen theoretischen Grundfragen,welche durch jene Entdeckung aufgerollt wurden, sollten beleuchtetwerden, und nicht minder war gleich jetzt daran zu eriunern,welche Fülle nützlicher Bethätigungen auf gauz anderen Gebietendieselbe zugleich in sich schloß. Gerade in dieser letzteren Richtung,iu der ja auch die Heranziehuug der Spektroskopie für die Zweckeder Stahlfabrikation gelegen war, ist noch von einigen sehr inter-essanten Spezialforschungen zu berichten.

Die Lichtabsorption ist, wie wir wissen, die fundamentaleErscheinung, auf welcher das Sichtbarwerden der dunklen Spektral-linien beruht. Um sie hervorzubringen, mußte das Souneulichtdurch eine glühende Gasmasse passieren, welche, falls sie nicht zurAufschluckuug dieses fremden Lichtes genötigt worden wäre, einehelle Linie gerade an der Stelle erzeugt haben würde, die that-sächlich vom Absorptionsstreisen eingenommen wird. Die Eigen-schaft, Licht in sich festzuhalten, ist jedoch nicht notwendig an sehrhohe Hitzegrade gebnnden. Es giebt vielmehr auch bei gewöhnlicherTemperatur eine selektive Absorption, d. h. ein Körper wähltauch unter sonst ganz normalen Umständen einzelne Strahlen desweißen (Sonnen-) Lichtes aus, welche er nicht durchläßt, sondernbei sich behält, und das Spektrum des Körpers belehrt uns durchdie Absorptiouslinien, welche Strahlen dieses Schicksal getroffenhat. Ein recht merkwürdiges Absorptionsspektrum weist u. a. derbekannte grüne Farbstoff der Blätter, das Chlorophyll, aus.Die gerichtliche Medizin hat ferner gewisse Forderungen an dieChemiker gestellt, denen durch die Studien von Gladstone,Roscoe nnd Stokes auch schon in den sechziger Jahren Genügegethan wurde. Wird gewöhnliches Blut, in dem zwischen roten