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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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408
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408 XIII. Die Astronomie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts.

geführt worden, indem die Größenverändernng der Polar-flecke als mit den Mars -Jahreszeiten übereinstimmenderkannt ward; im Winter wachsen regelmäßig diese Flecke an, undim Sommer nehmen sie ab. Gerade dieser Umstand ist geeignet,die Analogie zwischen Mars und Erde recht bestimmt hervortretenzu lassen; nicht wenig trägt auch dazu bei, daß Ekliptikschieseund Tagesdauer für beide Planeten sich gar nicht nennenswertunterscheiden. K. Linßer (1837 1869) bestimmte die Um-drehungszeit zn 24^37°-23°, und die von 1885 1886 erschie-nenen Neubearbeitungen von H. G. van den Sande Bakhuyzen(geb. 1838) und Wislicenus haben daran nichts Erhebliches ge-ändert. Neben so manchen Ähnlichkeiten begegnen uns, wennwir zwischen den beiden Nachbargestirnen Vergleiche ziehen, freilichauch Gegensätze, zu deren richtigem Verständnis uns teilweise dieMittel fehlen. Dahin gehören zu allererst die merkwürdigen Ver-doppelungen von Kanälen, mit denen Schiaparelli, zumalnachdem er 1886 eine zweite Oppositionsperiode verfolgt hatte, dieFachwelt bekannt machte, nnd die dann auch von anderen Astro-nomen konstatiert wurden, so z. B. von denjenigen der kalifornischenLick-Sternwarte ", während wiederum Brenner im April 1896zwar die große Zahl von 126 Kanälen, 44 mehr als Schiapa-relli, gefunden und doch niemals eine Verdoppelung wahrgenommenhaben will. Man hat, um die Erscheinungen, welche Mars dar-bietet, zu erklären, kühne und sogar ungezügelte Spekulationennicht gescheut; vorangegangen sind damit J.H.Schmick (geb. 1840)nnd, etwas später, N. C. Flammarion (geb. 1842), letzterer wohlüberhaupt einer der skrupellosesten Vertreter jenes zwar gewißnicht des Geistes, wohl aber der nüchternen Lenkung entbehrendenZweiges, den man als Konjekturalastronomie bezeichnen kann.Der feurige Sprudelgeist des Franzosen macht sich in seiner sonstsehr gut geleiteten ZeitschriftI/^stronomis" oft etwas allzu sehrgeltend; im vorliegenden Falle übertrug er auf den Mars die fürdessen plauetarische Gefährtin allerdings gesicherte Lehre von derEiszeit nnd bedeckte des ersteren Oberfläche mit einem gewaltigenEispanzer, in dem sich Sprünge von ein paar hundert KilometerBreite ebenso leicht öffnen wie schließen sollten. Die Forschung