Kinematik und Dynamik,
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gearbeitet worden. Von A. H. E. Lamarle (1806—1875) undG. E. Sire (geb. 1826) wurde ein gyroskopisches Pendelangegeben, und in den siebziger Jahren beschrieb der BelgierPH. Gilbert (1832—1892) einen noch weit komplizierteren Ap-parat, den der Mechaniker Ducretet unter dem Namen Baro-gyroskop ausführte. Die mannigfachen, zum Teile überraschendenVorkommnisse, welche eintreten, wenn rotatorische sich mit andersgearteten Bewegungen vergesellschaften, schienen ursprünglich eineDomäne des höheren und höchsten Kalküls zu sein, aber durch dieverschiedenen instrumentalen Hilfsmittel, welche die vorstehend ge-nannten Physiker und Mechaniker an die Hand gaben, kann auchdem Fernerstehenden ein Einblick in die verwickeltsten Bewegungs-verhältnisse vermittelt werden. N. C. Schmit, ebenfalls einBelgier, hat sogar die Nutation, durch welche die konische Prü-zessiousbewegung in der Art abgeändert wird, daß die Achse stetsnoch eine kleine, periodisch wiederkehrende Ausbuchtung des Kegel-mantels durchlaufen muß, mittelst eines Selbstaufzeichners dargestellt.
In theoretischer Beziehung bringt uns die zweite Hälfte desJahrhunderts eine Neuordnung der Systematik, welche bisher inder Mechanik der festen Körper obgewaltet hatte. Die Statik bleibtim wesentlichen, was sie bisher schon immer gewesen war, aber dieBewegungslehre spaltet sich in zwei innerlich verschiedene Teile,Kinematik oder Geometrie der Bewegung auf der einenund eigentliche Dynamik auf der anderen Seite. Die neuerenWerke über Mechanik, wie man sie 1853 von I. M. C. Duhamel(1797—1872), 1856 von C. E. Delauuay (1816—1872), 1870von W. Schell (geb. 1826) erhalten hat, um nur ein paar be-sonders hervorragende zu nennen, lassen diesen Gegensatz, derfrüher mehr nur gefühlt als bewußt empfunden worden war, klarhervortreten. Wenn wir oben sagten, die Lehre vom Gleichgewichtesei einer gleich tief greifenden prinzipiellen Unigestaltung ihresBesitzstandes nicht ausgesetzt gewesen, so bezog sich das übrigensnur auf die Materie selbst; die Art der Behandlung nämlichist teilweise eine von der früher üblichen weit abweichende geworden.Die Ingenieure, gewöhnt, dem Zeichenstifte einen großen Teil derbei der Projektierung irgend eines Unternehmens aufzuwendenden
Günther, Anorganische Naturwissenschaften. 32