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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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Verschiedene Auffassungen der Kinematik.

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Probleme der Statik sind Culmanns Methoden dnrch L. Cremona(geb. 1830) und C.O.Mohr (geb. 183S) beträchtlich weiter gefordertworden, indem es durch sie möglich geworden ist, resultierendeKraft und resultierendes Drehungspaar bei einer beliebigen Anzahlgegebener, ein starres Massensystem angreifender Kräfte durch Ver-zeichnung des Kräfte- und Seilpolygones auf rein konstruk-tivem Wege zu erhalten. Sogar eine graphische Dynamik ist1873,' als Fortbildung der Graphostatik, dnrch R. Proell ins Lebengerufen worden.

Die Kinematik ist die unerläßliche Vorbedingung der Mechanik,letzteres Wort im allgemeinsten Sinne genommen. Der Name rührther von dem genialen Ampere, der 1834 seinen methodologischüberans wertvollenLssai sur 1a Philosophie cles seieness" ge-schrieben und darin gar manche Zukunftsidee entwickelt hatte, diedann wohl, teilweise sogar ohne Nennnng des Namens, späterwieder aufgegriffen wurde. Der Begriff der Kinematik hat sichspäter eine verschiedene Art der Auffassung gefallen lassen müsseu.Am engsten hat sich mit gutem Rechte L. Burmester an Ampereund seiue Definition angeschlossen, und sein umfangreiches, nament-lich anch die Litteratur sehr gründlich berücksichtigendes Werk (1888)über diesen Gegenstand gilt allseitig als die erschöpfendste Darstellungdieses Einführungskapitels der Mechanik. Wie jedoch erwähnt, legtReuleaux seinem gleichnamigen Werke (Theoretische Kinematik",Braunschweig 1875) eine andere Definition zu Grunde, indem erdie Lehre von den Maschin engetrieben darunter verstandenwissen will. Von Reuleaux stammt auch die Formulierung desBegriffes der kinematischen Kette, einer Verbindung vonGliedern, in welcher jedes Einzelglied in seiner freien Beweglichkeitgegen die nächst anliegenden und damit anch gegen alle übrigeuGlieder beschränkt erscheint. Eine solche Kette heißt zwangs-läufig, wenn jedes Kettenglied eine bestimmte Bewegung gegenjedes andere Glied auszuführen genötigt ist : jedem Punkte deserstgenannten Gliedes ist dann eine gewisse Bahnkurve vorgezeichnet.Ein Glied einer sowohl zwangsläufigen als auch geschlossenenkinematischen Kette kann fixiert werden, und dann ist letztere, dervon Reuleaux gegebenen Definition zufolge, in einen Mecha-

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