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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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518
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518 XV. Die mechanischen Disziplinen in der neuesten Zeit.

Wirbelfaden. Eine Wirbellinie ist unzerstörbar, denn die einmalauf ihr liegenden Teilchen bleiben ihr für alle Zeiten erhalten,uud ebenso ist für einen Wirbelfaden das Produkt aus Querschnittund Umdrehungsgeschwindigkeit konstant. Dieser Lehrsatz giebtzugleich Aufschluß über die Gestalt der Wirbelfäden; sie müssennämlich entweder geschlossen sein oder, wenn dies nicht zutrifft,so können ihre Enden nur in der Grenzfläche selbst liegen, so daßalso wenigstens, wenn keine solche existierte, der Zusammenschlußstattfinden müßte. Die theoretische Unzerstörbarkeit der Wirbel-ringe bringt es mit sich, daß zwei oder mehrere solche, die sichmit verschiedener Geschwindigkeit translatorisch bewegen und soaufeinander treffen, in den eigentümlichsten Windungen um ein-ander herum oder durch eiuauder hiudurch ihren Weg nehmen.Diese theoretisch als notwendig herausgefnndenen Wahrheiten sindanch der experimentellen Bekräftigung teilhaftig geworden, uudzwar war es Tait, de.r deu glücklichen Gedanken verwirklichte, diedauerhaften Rauchringe als Träger der abstrakten Gyrations-beweguug in die Praxis einzuführen. Auch diese Gebilde fallenja infolge der Luftreibuug und anderer Einflüsse der Vernichtunganheim, aber sie können doch, wie jeder geübte Raucher weiß,ihre Individualität oft lange beibehalten. Uni den richtigenRhythmus zu schaffen, spannte Tait über die offene Rückwandeines parallelepipedischen Kästchens ein Tuch und füllte letzteresmit Tabakrauch, dessen Stelle man ueuerdings durch deu Rauchzu ersetzen pflegt, der sich bei Berührung gewisser Chemikalienentwickelt. Bringt man sodann das gespannte Tuch durch regel-mäßige Anstöße ins Vibrieren, so ringen sich aus einer gegenüber-liegenden, kreisförmigen Lffnuug in der Vorderwand unausgesetztWölkchen los, die bald in wirkliche Wirbelringe übergehen, undweun man es dahiu bringt, daß der zweite Ring etwas schnellerals der erste fortschreitet, so kann man das hübsche Schauspielmit ansehen, daß der folgende Ring sich zusammenzieht, durchden Hohlraum seines Vorgängers hindurcheilt und gleich nachherwieder sich ausweitet.

Wir werden zum Schlüsse dieses Abschnittes der prinzipiellenBedeutung des Wirbelphänomenes noch einige Worte zu widmen