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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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XV. Die mechanischen Disziplinen in der neuesten Zeit.

Fortpflanzungsgeschwindigkeit. Die älteren Methoden gestattetenkeine feinere Prüfnng des sich fo erhebenden Paradoxons, unddeshalb begrüßte man es dankbar, daß Kundts Staubfiguren,deren erste Erwähnung aus dem Jahre 1866 stammt, eine Revisiondes Problemes ermöglichten. Wenn in einer geschlossenen RöhreLuft schwingt, so bilden sich durch Zurückwerfuug an den Deck-flächen stehende Wellen heraus, wie wir sie im sechsten Ab-schnitte als die Seiches der Binnenseen kennen lernten, und anden Knotenstellen ordnet sich der feine Staub, den die Luft zuvorbeigemeugt erhielt, in Ringen oder Streifen an. Damit ist dieMessung der Wellenlänge gegeben, und da die Touhöhe ohneweiteres die Zahl der Schwingungen in der Sekunde liefert,so kennt man auch die Schallgeschwindigkeit. Kundt experimen-tierte vielseitig mit seinen Staubröhren und vermochte RegnaultsErfahrungssatz nicht zu bekräftigen, wies aber im Wärmeaus-tausch durch die Röhrenwände eine ergiebige Quelle vonstörenden Einflüssen nach. Die Schallgeschwindigkeit ist auch eineFunktion des Ausdehuungskosffizieuteu des gasförmigen Mittels,welches die Schallwelle» durchlaufen. Entsprechende Formeln sindauch von Helmholtz (1863) und von Kirchhofs (1868) her-geleitet worden. Kundt hat ferner (1873) die Schwingnngen vonLnftplatten und, in Verbindung mit O. Lehmann (geb. 1855),wenig später die durch Longitudiimlschwingnngen in Flüssigkeitenerzengten Klangfiguren untersucht und höchst geschickt diese Be-wegungsformen zu objektivieren verstanden.

Von den Tönen, welche dein Gehörorgane davon Nach-richt geben, daß sich in größerer oder geringerer EntfernungSchwinguugsvorgänge abspielen, ist bisher nnr mehr sekundär dieRede gewesen. Zunächst steht fest, daß G. S. Ohm in den vier-ziger Jahren eine korrekte, mathematische Theorie der Tonbildungentwickelt und bewiesen hat: Jeder Klang wird vom Ohreso zerlegt, daß jede der sich wechselseitig überlagerndenWellen als besonderer Ton empfnnden wird. Was hiereinstweilen nnr ziemlich summarisch ausgesprochen war, gab dieGrundlage ab für die umfänglichen Forschungen von Helmholtz,die sich, von 1856 datierend, im Jahre 1863 zu einem über-