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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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Der überkritische Zustand.

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Physiker Th. Andrews (18131835), dessen einschlägige Arbeitenebenfalls um 1860 anhuben. Er beobachtete, daß verdichtete Kohlen-säure in höherer Temperatur einen Zustand annahm, der mitgleichem Rechte gasförmig und flüssig genannt werden durfte:in welchem Zustande, so fragte er sich, befindet sich dieKohlensäure, wenn dieselbe bei einer Temperatur über31° das Volumen der Flüssigkeit annimmt, ohne daßdoch ein Flüssigwerden irgendwie erkennbar wird? DieserZustand heißt der überkritische, und der Thermometergrad, beidessen Erreichung das Gas zu so energischer Molekularbewegungangeregt ist, daß kein auch noch so beträchtlicher Drnck es in dentropfbaren Zustand zurückzuzwingen vermag, heißt die kritischeTemperatur. Dieselbe wurde von Andrews für verschiedeneSubstanzen experimentell ermittelt; für Kohlensäure liegt sie, wiewir uns überzeugten, ziemlich tief, für Alkohol beträgt sie hin-gegen 325". Seitdem ist über diesen Ausnahmezustand, der diesaber eben nnr in Bezug auf unsere enge begrenzte menschlicheSinneswelt ist uud für eine höhere Auffassung ganz die gleicheBerechtigung und Natürlichkeit wie jeder andere besitzt, vielgearbeitet worden; die zahlreichen Einzeluntersuchungeu vonP.CHappuis (geb. 1855), Dewar, B.Galitzine, K.Wesendonck.mnß es geniigen, hier unter anderen registiert zn haben. Nochkönnen wir nicht mit Sicherheit entscheiden, ob Ramsay im Rechteist, wenn er ein Fortbestehen des flüssigen Zustandes auch ober-halb des kritischen Temperaturpunktes noch für denkbar hält, oderob man mit I. B. Han nah (geb. 1855) an das Bestehen einerwirklich festen Grenze zn denken hat. Gegen letzteres scheinen auchdie allen Bedingungen gerecht zu werden trachtenden Untersuchungenvon E. H. Amagat (geb. 1841) zn sprechen, die sich von 1873 anüber eine längere Reihe von Jahren ausdehnen. P. de Heen istsogar 1898 mit der überraschenden Mitteilung hervorgetreten, daßman zwei verschiedene kritische Dichten anzunehmen habe, einedes Dampfes und eine der Flüssigkeit. Die theoretische Seitedieses schwierigen Fragenkomplexes hat die meiste Förderung er-fahren durch die Schriften zweier holländischer Physiker; van derWaals, den wir schon kennen, gab 1873 eine bedeutsame, 1881

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