Elektromagnetische Lichttheorien.
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Daß auf die Pvlarisationsebene des Lichtes der Elektro-magnetismus eine Wirkung ausübt, welche deren Drehung bewirkt,ist eine der unzählig vielen Entdeckungen Faradays. C. Neu-manns Habilitationsschrift (Halle a. S. 1858) lieferte deu erstenErklärungsversuch nnd eröffnete zugleich die Reihe der Arbeiten,welche es sich als Ziel vorgesetzt haben, eine elektromagnetischeTheorie des Lichtes aufzustellen. Die Motive hierzu vermehrtensich nachgerade überraschend; wir wollen hier nur aus das KerrschePhänomen aufmerksam machen, welches seit 1883 deu Physikernviel zu deuken gab. In einer Anzahl von Aufsätzen, welche seit1875 erschienen, beschäftigte sich der Schotte I. Kerr (geb. 1824)mit den Lageveründernngen, welche die erwähnte Ebene unter derEinwirkung magnetischer und elektrischer Aktion erfährt, und ver-dichtete seine Wahrnehmungen in folgender Behauptung: WennLicht, das parallel oder senkrecht zur Eiufallsebeue Polarisiert ist,von einem magnetisierten Eisen- oder Nickelspiegel reflektiert wird,so zerlegt sich der zurückgeworfene Strahl in zwei zu einandersenkrecht stehende Komponenten. Diese Erscheinungen wären derälteren Vibrationstheorie von Uoung uud Fresnel unzugänglichgewesen, aber eben deswegen mnßte die Ausbildung einer neuenVorstellung vom Wesen des Lichtes als eine Notwendigkeit aner-kannt werden. Unter den ersten, welche in diesem Sinne thätigwaren, begegnen uns der Däne L. V. Lorenz (1829—1891),der 1867 mit aller Bestimmtheit die Identität von Licht- und elek-trischen Schwingungen befürwortete, und der Holländer H.A. Lorentz (geb. 1853), der 1877 an die vvn Maxwell und Helmholtz auf-gestellten Thesen anknüpfte. Der letztgenannte hatte gefunden,daß unter gewissen Voraussetzuugeu über die magnetische oderdielektrische Polarisativnssähigkeit der in Betracht kommendenMedien die Gesetze der Reflexion und Refraktion in der Optik uudElektrizitätslehre die gleichen sind, und ebenso wies er unter Auf-bietung eines stattlichen mathematischen Apparates nach, daß auchfür krystallinische Körper die bekannten Gesetze unter Zugrunde-legung der Maxwellschen Lichttheorie abgeleitet werden können.Es können sich also z. B. in einem nicht isotropen Medium auchstets iu einer gewissen Richtung nur zwei Wellensysteme mit trans-
Günther, Anorganische Naturwissenschaften. 40