Physiologische Optik.
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hat darin zunächst einen Fortschritt gemacht, daß man eine tiesereEinsicht in das Wesen der Komplementärfarben erhielt; anden bezüglichen Forschungen nahmen hauptsächlich teil H. G. Grasz-mann, Helmholtz und M. E. Chevreul, dessen Werk nament-lich die technischen Anwendungen ins Auge faßte. Dasselbe (,Osscoulsurs st äs Isurs applioationZ g-ux arts s, 1'aicls äss csrolsseliromati^ues", Paris 1864) war für die Kunstfärberei sehr wichtig,und diese, sowie auch die Lehre von den gefärbten Gläsern hatder berühmte französische Chemiker anch sonst zu Objekten seinerForschung sich ausersehen. Helmholtz wurde durch seine Analysedes Spektrums der Thatsache inne, daß nicht notwendig jedereinzelne Farbenton seinen komplementären Ton haben muß, wiedenn z. B. keine Farbe ausreicht, um Grün zur JndifferenzfarbeWeiß zu ergänzen. Man muß Not und Violett zu sogeuanntemPnrpur mischen, um diese Ergänzung herbeizuführen. Die Helm-holtzsche Lehre von den Mischfarben haben W. I. Grailich(Abschnitt VIII), Th. W. Preyer (1841 — 1897) und Lommeltheoretisch tiefer zu begründen gesucht. Über die Art und Weise, wiesich die Farbenempfindung dem Zentralorgane mitteilt,läßt sich nur hypothetisch urteilen; indessen hat immerhin eine inder zweiten Hälfte der siebziger Jahre gemachte Entdeckung denProzeß des Sehens etwas tiefer zu erfassen erlaubt. Es fandennämlich so gut wie gleichzeitig (1877) F. Voll (1849—1879) in Rom und W. Kühne (1837—1900) in Heidelberg das Sehrot (auchSehpurpur genannt) auf, eine sich durch die ganze Netzhaut hin-durchziehende, schwach rötliche Substanz, die vom Lichte, je nachdessen verschiedenen physikalischen Qualitäten, chemisch zersetzt wird,so daß also auch der von der Retina zum Gehirne führende Nerven-strang eine verschiedenartige Beeinflussung erfährt. Recht eigentlichin die psychologische Nachbarwissenschaft, die wir hier berührten,reicht auch hinein die Lehre vom binokularen Sehen, welchetrotz der Anstrengungen eines Donders, Volkmann, E.Hering (geb. 1834) noch keineswegs als abgeschlossen angesehen werdenkann. Aus seiuen oben erwähnten Untersllchuugen über Misch-farben leitete Helmholtz die Berechtigung her, sämtliche Farben-nnancen auf drei Grundfarben zurückzuführen, und bei der im