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XVII. Moderne Grenzgebiete der Physik.
vorigen Abschnitte erörterten Naturfarbenphotographie hat dieHelmholtzsche Theorie insofern eine Bekräftigung erfahren, als jadiese Technik auch mit drei Grundtöneu trotz der ungeheuren Ab-wechselung der natürlichen Farben und Pigmente das Auge zubefriedigen versteht. Einen teilweise, jedoch weniger bezüglich derGrundanschauuug, abweicheudeu Standpunkt hat Hering („ZurLehre vom Lichtsinne", Wien 1878) vertreten.
Bekanntermaßen ist die Fähigkeit, Farben als solche zu er-kennen, der Farbensinn, durchaus keine allgemein verbreitete,vielmehr giebt es viele Menschen — weit mehr, als man gemeinig-lich glaubt —, die in dieser Beziehung mangelhast ausgestattetsind. Vom Daltonismus war bereits die Rede, aber es giebtauch andere Erscheinungsformen dieses Gebrechens, welches wohlin einer gewissen Trägheit oder sonstigen Mangelhaftigkeit derNetzhaut seine Ursache haben dürfte. Die gesteigerten Anforde-rungen, welche die Neuzeit an die Diener des Gemeinwesens stellt,haben gezeigt, wie viele Leute zwischen Rot und Grüu, Blau uudGelb keinen Unterschied zn machen vermögen, und da im Eisen-bahnwesen, wie auch bei anderen Gelegenheiten, die Wahrnehmungfarbiger Signale unumgänglich ist, so mußten Mittel gefundenwerden, solche Leute, die zwar thatsächlich farbenblind sind, ihrenDefekt aber durch eine gewisse Ubnng zn verdecken gelernt haben,zu überführen. Die Farbentafeln von Jung - Stilling undPatek leisten hierzu gute Dienste; noch mehr jedoch empfehlen sichdie von dem schwedischen Physiologen A. F. Holmgren (geb. 1831)vorgeschlagenen Farbenstränge („Oru kärZdlincl^stsn", Upsala1877; ins Deutsche übersetzt von Magnus). Ein Behälter istgefüllt mit Wollgarnsträngen der verschiedensten Färbung, ausdenen der zu Prüfende eine bestimmte herauszusuchen hat, nnd daleiden denn auch oft solche Kandidaten noch Schisfbruch, welche dieanderen Grade des Exameus bestanden haben. Die Frage nachder Verbreitung des richtigen Farbensinnes ist auch nach derethnologischen Seite hin umfassend bearbeitet worden, undes hat sich da gefunden, daß eine gewisse Gleichgiltigkeit gegendie Farbenempfindung bei vielen Naturvölkern angetroffen wird.Gestützt auf die unleugbare Thatsache, daß in sehr weit zurück-