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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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Farbenempfindung; animalische Elektrizität.

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liegenden Schriften, wie im Alten Testamente und in den Homers Namen tragenden altjonischen Gedichtsammlungen, die Farben-nomenklatur von der uns geläufigen gar nicht selten abweicht,stellte der als Homerforscher bekannte, große StaatsmannW. E. Gladstone (18091898) die Vermutung auf, vor zwei-tausend Jahren sei das Farbengefühl der Meuschen überhaupt nochciu weniger fein ausgebildetes gewesen, und erst im Laufe derJahrhunderte habe, gemäß den von der Deszendenzlehre für dieorganische Welt festgestellten Entwicklungsgesetzen, eine langsamfortschreitende Differentiierung der Farbenempfindungenstattgefunden. In zahlreichen Veröffentlichungen hat der BreslauerOphthalmologe H. Magnns, der auch Gladstoues Schrift deutsch bearbeitete, die Entwicklungstheorie mit neuen Argumenten auszu-statten gesucht, und auch andere sind ihm zur Seite getreten, währendgerade im eigentlich darwinistischen Lager die gegnerischen Stimmenüberwogen.

Wenn wir uns weiter an die Einteilung des Fickschen Werkeshalten, so gelangen wir znr Lehre von der Elektrizität inder Medizin. Hier durchdringen sich ersichtlich zwei verschiedeneMaterien; einerseits wird gefragt, wie sich, je nach den Umständen,der galvanische Strom, sei es der kontinuierliche oder der durchInduktion erzeugte intermittierende, für die Heilung der ver-schiedensten Körperschäden und nervösen Zustände nutzbar machenläßt, und andererseits steht die tierische Elektrizität als solchezur Diskussion. Den ersterwähnten Gegenstand hier weiter zuverfolgen, ist nicht unsere Sache; den Ärzten hat W. v. Beetzdurch eine sich eigens an ihre Adresse richtende Schrift (Grund-züge der Elektrizitätslehre", Stuttgart 1878) die wünschenswertenVorkenntnisse bequem zugänglich gemacht, und für die Therapieist bestimmend gewesen das von dem berühmten KlinikerW. H. v. Ziemßen (geb. 1829) herausgegebene Lehrbuch (DieElektrizität in der Medizin", 5. Auflage, Berlin 1887). Wennwir nach den älteren Vorstellungen über elektrische Ströme imtierischen Körper fragen, so sehen wir uns zurückversetzt in dasJngendzeitalter des Galvanismns, denn damals drehte sich ja eineisrig geführter Streit um die Alternative: Hat Galvani recht,

Günther, Anorganische Natnrwissenschaften. 42