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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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XVII. Moderne Grenzgebiete der Physik.

wenn er das Dasein primärer Ströme im Organismus be-hauptet, oder hat Volta recht, der die tierischen Zuckungen bloß alsFolgephänomen der durch den Metallkontakt ausgelösten Strömungbetrachtet? Man weiß, daß die gelehrte Welt sich entschieden imletzteren Sinne aussprach, und daß A. v. Humboldt wenig gehörtwnrde, als er sich in seinem physiologischen Werke von 1799(Abschnitt IV) gegen eine vollständige Verwerfung der AnsichtenGalvanis einsetzte. Erst späte Gerechtigkeit ist dieser lange ver-kannten Jugendarbeit widerfahren, und Wuudt durfte seiue Ehren-rettung in die nachstehend mitgeteilten Worte kleiden:In diesem,auf eine Vereinfachung des Veobachtungsverfahrens abzielendenSinne hat A. v. Humboldt jene Versuche ausgeführt, welche uuSheute noch, in wenig veränderter Form, als entscheidende Beweis-mittel einer elektrischen Ungleichheit der tierischen Teile gelten."Der Mann, der später den entscheidenden Nachweis führte, daßdiese Ungleichheit elektrische Ströme im Körper zur notwendigenFolge haben muß, war E. DuBoisReymond, nnd die zahl-reichen Aufsätze, in denen er diesen Teil der organischen Physikbegründete (Gesammelte Abhandlungen zur allgemeinen Muskel-und Nervenphysik", Leipzig 1875) werden für alle Zeiten dieUnterlage für eine noch tiefer eindringende Forschung abgeben.Der Berliner Physiologe sprach das entscheidende Wort: DerStrom kommt dann zn stände, wenn sich Muskelauer-schnitt und Nerv berühren. Wenn dann im Nerv ein kon-stanter elektrischer Strom zirkuliert, wird sein Spannungsznstandverändert; der Nerv ist in den elektro tonischen Znstand ver-setzt, uud der infolge dieses Zustandes erzeugte Strom kann denursprünglichen Nervenstrom an Intensität übertreffen. EinigeBeobachtungen, die der uns aus dem zweiten Abschnitte in ge-teilter Erinnerung stehende I. W. Ritter über solche biologischeStrömungserscheinungen gemacht hatte, wurden von Du BoisReymond als richtig befunden, und es ist ja überhaupt RittersArt, daß sich bei ihm zutreffende Erfahrungen und mit diesen ver-quickte naturphilosophische Tränmereien stetig dnrchdringen.

Eine ganz neue Auweudung vereinigter Optik und Elektrizitäts-lehre mit Schweigen zn übergehen, ist auch Dem nicht erlaubt, dem