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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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XVII. Moderne Grenzgebiete der Physik.

von außen her beeinflußt werden kann, durch eine mathematischeFormel von ziemlicher Einfachheit nicht völlig gedeckt werden kann,aber trotzdem sichert auch die neueste Revision von Wundt demGesetze eine approximative Giltigkeit. Und in diesem Sinnebesteht nnser obiger Satz von der Bedingtheit dieser Seite Psycho-physischer Forschung durch das Weber-Fechnersehe Eindeutigkeits-gesetz seine Probe.

Wer sich mit den vielleicht unerwartet zahlreichen Einzel-arbeiten, die nach dieser Richtung hin unternommen worden sind,bekannt machen und überhaupt iu das Getriebe der zeitgenössischenBewegung auf experimentell-psychologischem Gebiete einen tieferenEinblick thun will, thut wohl darau, die ZeitschriftPhilosophischeStudien" znr Richtschnur zu nehmen, welche seit 1878 uuterWundts Redaktion erscheint. Der Begriff Philosophie scheintda freilich, wenn man auf jene philosophischen Bestrebungenzurückgreift, die uns unser dritter Abschnitt vor Augen führte,eine Wandlung erfahren zu haben, wie man sie in ähnlichem Um-fange in der Geschichte der Wissenschaft sonst nicht leicht wieder-findet. Damals galt als wahrer Philosoph, wer die Natur s, prioriaufbaute und als Naturgesetz Das proklamierte, was ihm aus denvermeintlichen Gesetzen des menschlichen Denkens als notwendighervorzugehen schien; heute will die Wundtsche Schule durchstetiges, mühseliges Sammeln und Vergleichen von Erfahrungenlangsam der Natnr, sogar auch derjenigen des menschlichen Geistes,ihre Geheimnisse ablauschen. Und von sehr wenigen Gegnern einernicht willkürlich geschaffeneu, sondern organisch gewordenen Um-schaffnng des Begriffes abgesehen, billigt jedermann diese letztere,durch welche die Philosophie, feit dem Hegel-SchellingschcnInterregnum, wie wir uns ausdrückten, der Naturwissenschaft ent-fremdet, die Verbindung mit dieser zurückgewonnen hat. Wennman die Untersuchungen von Wundt selbst über die messendeFixierung psychischer Vorgänge, von I. Kollert über den Zeit-finnn, von E. Tischler über die sonometrisch wichtige Unter-suchung von Schall stärken, von E. Kraepelin über die Grenzender Herrschaft des Weberschen Gesetzes bei Lichtempsindnngen u.s.w.durchmustert, so kann man sich eine Vorstellung von den mancherlei