Achtzehntes Kapitel.
Die Chemie in der zweiten Hälftedes Jahrhunderts.
Wir haben im neunten Abschnitte die Chemie bis zum Jahre1852 geführt. Der damit gewählte Markstein war, wie wir unswohl bewußt sind, ein etwas willkürlich gesetzter, allein eS wirdsich das kaum je ganz vermeiden lassen, wenn man, wie dies ausGründen der Übersichtlichkeit gar nicht anders denkbar ist, einensehr langen Zeitraum, und dies ist doch ein Jahrhundert auf alleFälle, iu zwei Zeitfolgen von angenähert gleicher Dauer Zerfällenwill. Iu der Periode, an deren Anfang Lavoisier und Wer-th olle t stehen, während dem Abschlüsse die reisen Mannesjahrevon Liebig, Wvehler, Kolbe angehören, ist die Führerschaftvon den Franzosen allgemach auf die Forscher germanischer Ab-stammung übergegangen, uuter denen zwei Dezennien lang derSchwede Berzelius ein fast überall ueidlos anerkanntes Über-gewicht behauptete. Während zwischen anorganischer und organischerChemie anfänglich kein besonderer Unterschied gemacht ward, hatsich derselbe späterhin, unter dem Drucke der Thatsacheu, mehruud mehr herausgebildet, und indem sich die organischen Verbin-dungen als die rätselvolleren in den Nordergrund drängten, übtensie zugleich eine nachhaltige Einwirkung auf die Eutwickluug derStruktnrtheorien, die bei den Deutschen zuerst keinen rechtenBeifall fanden, an denen sogar I. v. Liebig seine allerbittersteKritik erprobte, nnd die sich doch nachgerade, wenn anch nur der
bequemeren Systematik zuliebe, in der chemischen Welt einbürgerten,
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