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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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Kekules Äalenztheorie.

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Die Thatsache, daß der Kohlenstoff vierwertig, vieratvmig ist,bildete von nun an die seste Grundlage der organischen Chemie.Wie auch der Stoff beschaffen sein mag, der sich mit Kohlenstoffverbindet: Addiert man die Anzahl der Atome des ersteren, welchezu einem einzigen Atome Kohlenstoff hinzutreten, so kommt stetsdie Zahl vier heraus. Freilich hatte, worauf wir bereits hin-wiesen, Frankland für andere Elemente, zumal für Stickstoff undPhosphor, deren konstante Mehrwertigkeit auch schon festgestellt,und insofern wäre der methodische Wert von Kekules Neueruugnicht gar so hoch zn veranschlagen gewesen, allein erstens war eseben doch der Kohlenstoff, dessen chemische Grnndeigenschast von soeinschneidender Bedeutung ist, und zum zweiten wußte der geist-volle Forscher au seine erste Entdeckung, von der er ja gar nichteinmal besonders hoch dachte, den Übergang zu weiteren, folgen-reichen Schlußreihen zu knüpfen. Es trat die bislang notgedrungenzurückgestellte Frage nach der Verkettung der Atome in denVordergrund, uud der letzte Rest der dereinst maßgebenden, längstvielfach erschütterten Lehrmeinung von der prinzipiellen Verschieden-heit anorganischer und organischer Verbindungen mußte schwinden.Ans die Streitfrage, ob die Auffindung der Vieratomigkeit desKohlenstoffes thatsächlich Kekules Verdienst, oder ob dasselbe denbeiden Dioskuren Frankland und Kolbe zuzusprechen sei, soll audiesem Orte uicht eiugegangen werden; Kolbe selbst, der sich mitseinem Nebenbnhler gerne kritisch auseinandersetzte (Kritik derRektoratsrede von Kekule über Ziele und Leistungen der Chemie,Leipzig 1878; Entwicklungsgeschichte der theoretischen Chemie, ebenda1881), hat die Stadien des Erkenntnisprozesses in seiner Art ein-gehend dargelegt. Ganz allgemein dürfte jedoch dem Historiker derWissenschaft die Pflicht obliegen, denjenigen als den Entdecker einerneuen Wahrheit zu feiern, der diese als der erste in der FormauSsprach, in welcher sie der Nachwelt übermittelt und in denUnterricht der jüngeren Generationen aufgenommen worden ist.Obwohl mithin nicht geleugnet werden kann, daß in Kolbes zahl-reichen Arbeiten ebenso wie in Franklands Studien über dieSättigungskapazität sozusagen alle Bestandteile des mit dein NamenKekules verbundenen Theoremes verborgen liegen, so war es eben