(>84 XVIII. Die Chemie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts.
doch dieser letztere, der dafür die klare und eindeutige Formulierungangab, welche min einmal in der Wissenschaft den Ausschlag zugeben Pflegt.
Man würde es kaum verstehen, daß Keknle gleichwohl mitso kühler Reserve von der glücklichen Divination spricht, die ihmzn seinem wichtigen Funde verhvlfeu hatte, wüßte man nicht, daß,wie schon wiederholt bemerkt, die ganze Gerhardtsche Richtungnur äußerst bescheiden von der Möglichkeit dachte, durch die chemi-schen Formeln uud deren Umbildung einen wirklich tieferen Ein-blick in den Bau der Körper zu erzielen. Kekules Satz erheischteaber eine physikalische, eine über das syntaktische Schema hinaus-gehende Deutung, uud A. S. Couper , der nur ganz wenig spätervon sich aus die Vierwertigkeit des Kohlenstoffs entdeckte, konntesich nicht mehr diesem in der Natur der Sache liegenden Verlangenentziehen. Er unterschied für das Zusammentreten der Elementezwei Modalitäten, die Wahlverwandtschaft und die Grad-verwandtschaft, und diese letztere deckt sich dem Sinne nach soziemlich mit der Valenz der deutschen Chemiker, die jetzt auchdeutsch als Wertigkeit bezeichnet wird. Von den Valenzwerten,insoweit sie damals bekannt waren, ausgehend, suchte Couper dieFormeln der wichtigeren organischen Verbindungen — Alkohol,Essigsäure, Äther, Blausäure u. s. w. — so zu schreibe«, daß sieuicht uur eiuer willkürlichen Ubereinkunst entsprachen, sondernechte Konstitutionsformeln darstellten, und in dieser Absichtberührte er sich wieder mit Kolbe. Innerhalb der Moleküle wardieser nenen Hypothese znfvlge eine verschiedenartige Anordnungder Atome deutbar, die sich in dem differenten Verhalten der soentstandenen chemischen Verbindungen offenbaren mußte, uud esgalt, dieser abweichenden Struktur auf die Spur zu kommen.Dieser Name wurde vorgeschlagen von dem Russen A. Butlerow(1828 — 1886), der 1859 eine Besprechung der CouperschenTheorie publizierte. Als Struktur faßt er bündig „die Art undWeise der gegenseitigen Bindung der Atome in einem Molekül."Ist dies der Fall, so wird auch die weitherzige Annahme derTypeiltheoretiker hinfällig, daß ein und dieselbe Verbindung inverschiedenen chemischen Formeln ihre gleich richtige und adäquate