Chemische Ortsbestimmung.
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vollsten Aufschlüsse geliefert. Zumal die Bearbeitung der soge-nannten Chinone durch Graebe muß als eine in methodologischerHinsicht besonders verdienstliche hervorgehoben werden. Die Sub-stanz, von der hier die Rede ist, war schon viel früher vonA. Woskresensky (1819?—1880) aufgefunden worden, aber überihre Stellung in dem Rahmen der Theorie dachte man zunächstnicht besonders nach, bis Graebe darauf verfiel, daß man es damit einem bemerkenswerten Analogon des Benzols zu thun habe.Wir werden auf den auch technisch sehr verwertbaren Stoff beinnserem Überblicke über die industrielle Chemie zurückzukommenhaben. Aus diesen umfänglichen und feinen Untersuchungen, beidenen sich stets Reflexion und Experiment die Hand boten, resul-tierte auch eine scharfe Umgrenzung des vorher uoch etwas vagenBegriffes der aromatischen Verbiudungeu, um die sich vorzugsweiseViktor Meyer (1848 — 1897) verdient machte („Die Thiophen-gruvpe", Braunschweig 1888). Auch begnügte man sich nicht mehrmit der Aufstellung der Strukturformeln, sondern man dachte auchan die chemische Ortsbestimmung, deren Aufgabe es ist, wenndurch Substitution aus dem Benzol ein neuer Körper entstand,die relative Lage der vertretenden Atome zu ermitteln. DurchAdolf v. Baeyer, Ladenbnrg, Graebe n. a. sind auch für diesenZweck die Untersuchnngsmittel und Methoden geschaffen worden.Insbesondere ist man hierbei auch einer neuen, der älteren Chemieunzngänglichen Erscheinung auf die Spur gekommen, welche vonP.K.Laar (geb. 1853) im Jahre 1885 den Namen Tautomerieempfing, und die sich dadurch kennzeichnet, daß zwei verschiedeneStrukturformeln notwendig sind, um die chemische Konstitutionsolcher Körper, als deren bekanntester Repräsentant der Cyan-wasserstoff gelten kann, richtig wiederzugeben.
Alle diese sich drängenden Entdeckungen brachten auch einegrundstürzeude Änderung in den theoretischen Anschauungen zu-wege, die man sich zu verschiedeneil Zeiten, jeweils nnter dem be-stimmenden Eindrucke des augenblicklichen Wissensstandes, gebildethatte. Der Historiker überzeugt sich, ohne daß ihn diese Wahr-nehmung zu überraschen vermöchte, daß dieselben Versuche, dasatomistische Problem zn lösen, die ein- nnd zweihundert Jahre
Günther, Anorganische Naturwissenschaften. 44