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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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692 XVIII. Die Chemie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts.

welche sein Fach mit der geometrischen Raumlehre verknüpfen, gründ-lichst unterrichten kann. Die Frage, ob es noch erforderlich seinwird, Bewegungshypothesen zu Hilfe zunehmen, mittelst dereneine gegebene Naumanordnnng in eine andere übergeführt werdenkann, wollen wir dahingestellt sein lassen. Wislicenus selbstglaubt ohne die Voraussetzung besonderer, Richtung gebenderAffinitntsenergien nicht auskommen zu können, und die auf-fallende Erscheinung der Tautomerie schien manchen Fachmännern aufeinen Schwingnngszustand der Atome hinzuweisen. So hieltnoch in allerneuester Zeit E. Knoevenagel dafür, daß die vonJ.Thiele (geb. 1865) nachgewiesenen mehrfachen Bindungen vonKohlenstoff- und auderweiteu Atomen ohne die Bewegungshypothesenicht wohl begriffen werden könnten, was jedoch der andere Chemikernicht zuzugestehen geneigt ist. Sehr eingehend hat sich über dieAtombewegung auch Wunderlich im Jahre 1886 ausgesprochen.Alle diese Spekulationen befinden sich noch zu sehr im Flusse, umjetzt schon das Objekt einer wirklich objektiven geschichtlichen Dar-stellung werden zu können. Nur dessen sei noch gedacht, daßvan t'Hofs in der zweiten dentschen Ausgabe seiuer berühmtenProgrammschrift (Die Lagerung der Atome im Ratline", Leipzig 1894) auch die Stereochemie des Stickstoffs ganz ebenso eingehendbegründet hat, wie dies von ihm zuerst nur für den Kohlenstoffbethätigt worden war.

Jedenfalls mangelt es auch heute schon nicht an Thatsachen,welche die Berechtigung der Behauptung, daß die verschiedeneZusammenstellung der Atome die augenfälligen Ver-schiedenheiten im Verhalten von chemisch anscheinendidentischen Körpern befriedigend aufklärt, außer Zweifelfetzen. Die Drehung der Polarisationsebcne im einen oder anderenSinne verliert den ihr ursprünglich anhaftenden Charakter einerallein dastehendem Sonderbarkeit, svbald man vernimmt, daß dieKohlenstoffatome der betreffenden Verbindungen in ihrer räum-lichen Stellung auch eine eutgegeugesetzte Symmetrie erkennen lassen.Die noch zu erwähnenden, großartigen Leistungen von Emil Fischer (geb. 1352) auf dem Gebiete der Zuckersynthese, von A. V.Baeyerin der Erforschung der sogenannten Ringe, von V. Meyer in