708 XVIII. Die Chemie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts.
die schon des alten Scheele Aufmerksamkeit fesselten, beträchtlichausgedehnt. Aus ihnen erschloß man die Azole, die wieder ineinen neuen Formenkreis Einblick gestatteten. So kann sich dieserTeil der Chemie, und zwar in weit höherem Ausmaße, als diesfür ihre ältere Schwester gilt, versichert halten, daß jede neueEntdeckung nur wieder die Thüre zu neuen Geheimnisseneröffnet. Insbesondere hat die von Kolbe und Frankland angebahnte Erkenntnis, daß auch Metalle mit Kohlenstoff zu Ver-bindnngen zusammentreten, und daß sich so Organometallebilden können, eine Fülle neuer Perspektiven gezeitigt, die das20. Jahrhundert iu vollendete Thatsachen umzusetzen berusen ist.Hierdurch fallt auch neues Licht auf die Erden, wie man in An-lehnung an eine freilich anders gemeinte Begriffsbestimmung desalten Chemikers Becher (17. Jahrhundert) die Oxyde undOxydhydrate der Erdmetalle — Alumiuium, Ittrium, Zirko-nium u. f. w. — nennt. Solche Erden trifft man nicht seltenan den allerverschiedensten Orten; nacb Campbell-Swintonfinden fie sich z. B. in Glühkörpern. Von W. Muth mann (geb.1862) sind die seltenen Erden eingehendein Studium unterzogenworden.
Wie in Abschnitt IX, so soll es auch in diesem Kapitel unsereAufgabe sein, den Anwendungen der reinen Chemie ans die ver-schiedensten Gebiete der Wissenschaft und Technik Rechnung zutragen. Wir konnten es nicht vermeiden, solcher Verwertungentheoretischer Erfolge auch fchou im bisherigen Texte zu gedenken,allein die Erwähnung war stets nur eiue gelegentliche und thutdem Zusammenhange der die nächsten Seiten erfüllenden Dar-stellung kaum irgendwelchen Eintrag. Von der physikalischen Chemiesehen wir zunächst ab, denn diese noch jugendliche Wissenschafthat sich die Selbständigkeit erworben und verlangt ein besonderesKapitel. Auch die Mineralchemie, der Th. Behrens(geb. 1842)ein wertvolles Lehr- und Lernmittel („Mikrochemische Analyse",Braunschweig 1895) zur Verfügung gestellt hat, wird am bestenin Verbindung mit der Mineralogie abgehandelt werden. Dagegensollen die physiologische Chemie, dies Wort im weitesten Sinnegenommen, und die technische Chemie in dem bescheidenen Um-