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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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XIX. Die Emanzipation der physikalischen Chemie.

Chemiker beschäftigt haben. Man kann sagen, daß deren Theoriesogar einen bevorzugten Tummelplatz geistiger Arbeit für dieKoryphäen unseres Faches bildet. Aus früherer Zeit mochten wireine vielleicht nicht genügend gewürdigte Abhandlung über Diffu-sion von Salzlösungen in Wasser von E. L. R. Beez (geb.1827) aus dem Jahre 1859 anführen; später hat A. F. Hartmann(geb. 1842) diesem Gegenstande und den mit ihm nahe verwandtenDissoziationsproblemen seine Kraft gewidmet, und seit 1885gab ein genialer Gedanke van t'Hoffs allen diesen Arbeiten eineneue Richtung. Er zeigte, wie beim Diffusionsakte die Losung indem Bestreben, sich mit einer reinen Flüssigkeit derart zu vereinigen,daß allenthalben der gleiche Konzentrationsgrad herrsche, eineDruckkraft ausübt, die man den Sinnen wahrnehmbar machen kann,wenn man eine bewegliche Scheidewand einführt, welche zwar derFlüssigkeit, nicht aber dein in ihr aufgelösten Festkörper den Durch-gang verstattet. Dieser osmotische Druck wirkt ganz ebenso,wie dies auch eiue eingeschlossene Gasmasse gegenüber der um-schließenden Waudung thut. Im Jahre 1867 fand der berühmtePathologe M. Traube (18181876) einen Stoff auf, der völligdazu geeignet ist, solche semipermeable Diaphragmen herzu-stellen, und mit deren Hilfe läßt sich also die Anschauung vant'Hoffs experimentell nachprüfen, und es ist dies auch von ver-schiedenen Seiten geschehen, so namentlich von dem schon erwähntenBotaniker W. F. PH. Pfeffer, der im Interesse der Pflanzen-Physiologie den Durchgang von Flüssigkeiten durch Membranenschon vorher (Osmotische Untersuchungen", Leipzig 1877) ein-gehend studiert hatte. Man mißt die Größe des osmotischen Druckesauf verschiedene Weisen, am sichersten indirekt dadurch, daß manden Energiebetrag ermittelt, der rückwärts aufgewendet werdenmuß, um gelösten Stoff und Lösungsmittel wieder von einanderzu scheiden; dies zu ermöglichen, können Verdampfung, Aus-krystallisieren und selektive Löslichkeit in Betracht kommen.Der osmotische Druck und die Mittel, ihn quantitativ zu eruiereu,stehen seit etwa fünfzehn Jahren im Vordergrunde des Interesses,zumal nachdem es gelang, gewisse Sätze von F. M. Raoult (geb.1830) zu dieser Theorie in engste Beziehung zu setzen. Lösungen