Die sogenannte katalytische Kraft.
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Thätigkeit der kleinsten Körperbestandteile im Unklaren war, alseine mysteriöse, unerklärliche Auslösung von Bewegungserscheinungenangesehen werden; das Gesetz von Ursache uud Wirkung schienebenso, wie später das Gesetz von der Konstanz der Energie, außerKraft getreten zu sein, und unerfindlich war es, wie katalytischeKraft lediglich durch das Dasein eines Körpers, ohne daß der-selbe sonst irgend eine Arbeit zu leisten hatte, geweckt werdenkonnte. Die Erklärungsversuche eines Berzelius, I. v. Liebig,Mitscherlich u. a. vermochten keine dauernde Befriedigung zugewähren, und erst die allerneueste Zeit stellt dem Kausalbewußtseineine solche Befriedigung in Aussicht, indem sie von dem Vor-handensein einer katalytischen Krastleistuug überhaupt absieht unddie Phänomene, welche man aus jene zurückführen wollte, als solchefaßt, die schon an und für sich eintreten müssen unddurch die Dazwischenkunft der vermeintlich katalytischwirkenden Körper nur eine zeitliche Beeinflussung er-fahren. Freilich bleibt dem neuen Jahrhundert noch eine Niesen-arbeit zu verrichten übrig, und es ist nicht zu erwarten, daß dieBedenken der konservativeren Partei unter den Physikern undChemikern in absehbarer Zeit ganz zu uichte gemacht werden könnten,aber der jungen Dissoziationslehre kommt unter allen Umständendas Wort „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" zu gute.So lautet auch das Schlußurteil eines Mannes, der offenbar nurin laugsamem Widerstreite sich die günstige Beurteilung durch dieWucht der Thatsachen, ohne gleich enthusiastisch zuzustimmen, hatabringen lassen. Der neueste Historiker der Chemie, E. v. Meyer,schreibt: „Trotzdem diese Hypothese von vielen Seiten bekämpftworden ist und gerade dem Chemiker Vorstellungen aufdrängt,die ihm fremdartig erscheinen, so muß man doch ihre eminenteBrauchbarkeit zur Erklärung zahlloser chemischer Prozesse an-erkennen. Insbesondere sür die Elektrochemie nud die Ver-wandtschastslehre ist die Dissoziationshypothese von größter Be-deutung."
So Vieles unter anderen Verhältnissen hierzu noch zu sagenwäre, so uötigt uus doch die Rücksicht auf den Zweck dieser Dar-stellung den Verzicht auf weiteres Eingehen ab, nnd nnr noch eine
Günther, Anorganische Naturwissenschaften. 47