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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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746
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746 XIX. Die Emanzipation der physikalischen Chemie.

Körper," so lautet auf deutsch seine Begriffsbestimmung,welchehinsichtlich der Zusammensetzung" Gemenge, chemische Ver-bindungvoneinander verschieden sind, heißen abweichendePhasen der in Rede stehenden Stoffe, wogegen alle Körper, dienur in Größe und Form nicht übereinstimmen, als verschiedeneBeispiele der nämlichen Phase zu gelten haben". Die abstraktlautende Definition vermochte der amerikanische Physiker durch seinePhasenregel sehr fruchtbar zu gestalten; dieselbe besagt, wie vieleGattungen von Molekülen zusammenkommen müssen, um ein auseiner gegebenen Anzahl von Phasen bestehendes, das heterogeneGleichgewicht einhaltendes System aufzubauen. Als ein naheliegendes, einfaches Beispiel wird die Koexistenz von Eis,Wasser uud Wasserdampf, dreier verschiedener Phasen, zu be-trachten sein, die sich gleichwohl in demselben Systeme, allerdingsnur unter gewissen Bedingungen, zusammenfinden können. Anfdie übersichtliche Darstellung der Gleichgewichtsverhältnisse ver-mittelst der sogenannten Grenzkurven, für deren ganze Aus-dehuuug zwei ungleiche Phasen zusammen bestehen, kann nichteingegangen werden; dnrch Nernst und B. H. Roozeboom sinddie Einzelheiten dieser überaus verwendbaren Graphik sehr vervoll-kommnet worden. Die Phasen können, wie wir sahen, sehr wohlin gasförmigem Znstande das System bilden helfen; wird dieserZustand ausgeschlossen, wie dies im konkreten Falle beim Schmelzenfester Körper uud allgemeiner bei van t'Hoffs (1884) konden-sierten Systemen zutrifft, so treten natürlich Vereinfachuugenein; hierher gehört auch die in Abschnitt IX bezüglich ihres Aus-tretens in der Geschichte verfolgte Allotropie . Ein Verfahrenzur Ermittlung der Umwandelungstemperatur oder doch einerEinschließuug derselben zwischen zwei nicht sehr distante Grenzenrührt gleichfalls von van t'Hoff her. Das Verdienst des genialenNiederländers ist es überhaupt, die Herrschaft der mechanischenWürmetheorie in dem weiten Bereiche der chemischen Prozesse außerZweifel gesetzt zu haben.

Die Absicht der Thermochemie war in erster Linie nnr daraufgerichtet, die Beziehungen zwischen der Temperatur uud denNormen des chemischen Gleichgewichtes ausfindig zu machen.