Chemische Statik und Kinetik.
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Allein da die Herstellung irgend einer Verbindnng kein instantanerAkt ist, sondern da Zeit dazu gehört, die Atome und Moleküleaus der einen Lagerung in eine andere überzuführen, so ist auchder Gedanke nahe liegend, daß die Geschwindigkeit, mit welchersich eine interne Umsetzung vollzieht, von der Temperaturabhängen mochte. So verhält es sich denn auch, und zwarnimmt diese Geschwindigkeit zugleich mit der Temperatur zu; denBetrag der Zunahme lediglich ans der Atomistik von Clausius-Kroenig herzuleiten, ist jedoch nicht möglich, nnd es müssen nachArrhenius noch weitere Hypothesen hinzngenommen werden.Von erhöhtem Interesse sind die stürmischen Reaktionen —Jnflammation, Explosion u. s. w. —, wobei Steigerung der Reak-tionsgeschwindigkeit und durch diese bedingte Wärmezufnhr sichgegenseitig iu die Hände arbeiten. Französische Forscher —Berthelot, F. E. Mallard (1833-1894), J.M.L.Vieille (geb.1814), Le Chatelier u. a. — haben sogar sehr ernsthaste Ver-suche gemacht, die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Ex-plosion entzündlicher Gemische zu bestimmen, wobei sich zeigte,daß die Natur des Sprengmittels von sehr erheblichem Einflüsse ist.
Unsere gedrängte Überschau über die Errungenschaften derThermochemie diente dazu, darzuthuu, daß die Umwandlungen derMaterie, welche unter der Einwirkung der Wärme eintreten, nachden Grundsätzen einer rationellen Atomistik nicht allein quali-tativ begriffen, sondern auch, wennschon noch nicht unter alleuUmständen, quantitativ fixiert werden können. Wenn es sichaber so verhält, dann ist es gewiß auch au der Zeit, mit ungemeinverbessertem Apparate und deshalb auch unter weit günstigerenAuspizien auf die Bestrebungen zurückzukommen, denen Gras Ber-thollet in der früher erwähnten „Fwticsne ckimicjns" von 1803einen für seine Zeit nicht nur Passenden, sondern derselben eigentlichschon weit vorauseilenden Ansdruck verliehen hatte. Aber bei derchemischen Statik, welche lediglich die Bedingungen des Gleich-gewichtes untersucht, kann es jetzt schon sein Bewenden nicht mehrhaben, sondern ihr muß eine chemische Kinetik an die Seitetreten, deren Notwendigkeit uud Berechtigung ja allein schon durchden soeben betrachteten Begriff der Reaktionsgeschwindigkeit