748 XIX. Die Emanzipation der physikalischen Chemie.
illustriert wird. Zwei Norweger, der Mathematiker C. M. Guld-berg (geb. 1836) und der Chemiker P. Waage (geb. 1833), welchletzterer durch sein Ebullioskop (1879), ein zur Bestimmung desAlkoholgehaltes in geistigen Getränken dienliches Instrument, auchder analytischen Chemie Vorschub leistete, sind vor etwas überdreißig Jahren daran gegangen, die Assi nitäts lehre den fort-geschrittenen Anschauungen der Neuzeit entsprechend umzugestalten.Der Gedanke, die Mathematik in der Chemie zur Anwendung zubringen, war ja an sich kein neuer, da seit Richter wenigstensdie Berechtigung und Notwendigkeit einer derartigen Verknüpfungder beiden Wissenschaften kaum mehr beanstandet werden konnte.Sodann hatte auch W. C. Wittwer (geb. 1823) sehr eifrig an derBegründung einer mathematischen Chemie gearbeitet, derenBasis mit derjenigen von Redtenbachers Dynamidensystem— starre Atome, umgeben von Ätherhüllen — zusammenfiel, aber,worauf noch kaum gehörig hingewiesen worden zu sein scheint,auch schon mit Glück stereochemische Vorstellungen verwertete.Endlich sind nicht minder in der früher (Abschnitt XI) zitiertenSchrift von Wilhelmy über die Wärme ähnliche, nur noch nichthinlänglich bestimmt gefaßte Ideen zu erkennen, und auch sonstkamen gelegentlich Andeutuugeu vor, die aber viel zu wenig be-kannt wurden, als daß dnrch das unleugbare Vorhandensein ein-zelner Vorgänger das Verdienst von Guldberg und Waagegeschmälert würde. Damit die Theorie sich des spröden Gegen-standes bemächtigen konnte, bedürfte es natürlich zuerst einer Prin-zipiellen Auseinandersetzung über die grundlegenden Begriffe Atomund Molekül, deren Trennung, wie wir gesehen haben, durchAvogadro angebahnt und seitdem immer mehr als eine so gutwie axiomatische Thatsache erkannt worden war.
Das Molekül denken wir uns im Sinne der Raumchemie alseinen Aufbau aus gleichartigen Atomen, und ebeu die Art undWeise, wie dieser Aufbau stereometrisch erfolgte, entscheidet über dieNatur der betreffenden Verbindung. Dieser Umstand erklärt es,daß man, wie man dies schon aus Kopps im Jahre 1855 angestelltenUntersuchungen über die Kohlenstoffverbindungen schließen kann, indie Lage gesetzt ist, aus den Bolnmgrößen der Atome additiv