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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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XIX. Die Emanzipation der physikalischen Chemie.

wechselseitigen Einwirkungen der Substanzen, aus deueu sich dasSystem zusammensetzt, ihre Zeit gedauert haben. Das Gleichgewichtwird freilich mitunter erst in ungeheuer langen Zeiträumen erreicht,wie denn ein abgeschlossen gehaltenes Gemenge von Wasserstoff undSauerstoff, wenn die Temperatur sich wesentlich gleich bleibt, Jahrelang aufbewahrt werden kann, ohne in Wasser überzugehen, undehe dieser Endzustand eingetreten, sind zweifellos immer nochReaktionen im Gange, und eiu chemisch-statisches Verhältnis hat sichnoch nicht herausgebildet. Weun aber dieser Fall eingetreten, sobraucht noch immer nicht die Folgerung gezogen zu werden, daßnun die Umsetzuugeu im Juneren des Systemes ganz und gar auf-gehört hätteu. Es ist vielmehr, und das ist offenbar eine allge-meinere Annahme, wohl denkbar, daß Umsetzuugeu in demeineu Sinne gleichwertige Umsetzungen im entgegen-gesetzten Sinne gegenüberstehen, so daß also die Summendieser Prozesse mit verschiedenen Zeichen gleich gesetzt werden müssenund als Gesamtsumme Null ergeben. Multipliziert man sämtlicheräumliche Konzentrationen des einen und anderen Bewegungssinnesnoch mit der zugehörigen, als Geschwindigkeitskoössizient be-zeichneten Konstanten, so erhält man zwei charakteristische Produkte,und die Gleichsetzung dieser Produkte repräsentiert dasGrundgesetz der chemischen Statik. So haben es Guldbergund Waage und, übereinstimmend mit ihnen, wiewohl in gegen-seitiger Unabhängigkeit, etwas später (1877) van t'Hoff aus-gesprochen; die ebenso knrze wie inhaltreiche Note, die I.H.Jellett<geb. 1817) im Jahre 1373 als(juestion ok «üllsmioal Lciuili-w-ium" in die Welt sandte, läuft auf deu nämlichen Grund-gedanken hinaus, und auch L. Pfaundler hat schon 1867 dahinzielende Ansichten ausgesprochen. Uuter denjenigen, die sich mitbesonderem Erfolge um die Begründung und Anwendung desGesetzes bemüht haben, ist namentlich Horstmann anzuführen.

Mit diesem verhältnismäßig einfachen Satze hat man nun dieTheorie der Gase in einheitlichem Bilde zusammenzufassen gesucht.Als ein wesentlich vereinfachter Unterfall der allgemeinen Gleichungzog zuvörderst derjenige die Aufmerksamkeit der Fachmänner auf sich,der den Dissoziationsersch einungen entspricht; die chemischen