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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
770
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77V XX. Mineralogie und Petrographie in neuerer uud neuester Zeit.

Rücksichtnahme auf die Möglichkeit der Zerspaltung eines Krystallesin Körper von analogen geometrischen Eigenschaften begründet war.So spielte denn anch späterhin die Spaltbarkeit der Krystalle,mit deren Wesen sich Sohncke angelegentlich beschäftigte, eine sehrwichtige Rolle in unserem Fache. Senkrecht zu den Spaltungs-flächen lassen sich die Teilchen am leichtesten trennen, und in einerdiesen Ebenen parallelen Richtung ist deren Verschiebbarkeit einegrößtmögliche. Neben den erwähnten Flächen jedoch erheischenanch die von E. Reusch 1867 entdeckten Gleitflächen Beachtung,die sich mittelst der sogenannten Körnerprobe nachweisen lassen.Treibt man das alsKörner" bekannte Werkzeug mit kurzemSchlage in den Krystall hinein, so strahlen von der Zertrennungs-stelle geradlinige Sprünge aus, wie man dies bei zertrümmertenSpiegeln zum öfteren sieht, und diese Sprünge sind die Schnitt-linien der Krystallfläche mit den Gleitflächen. Baumhauer,Liebisch, O. Mügge (geb. 1858) u. a. haben dieser Erscheinungbeiden verschiedensten Krystallen weiter nachgespürt, und v. Fedorowuntersuchte ganz allgemein die Konsequenzen, welche eine mechanischeDeformation der Krystallkörper für die geometrische Natur der-selben hat.

Mit dem Vorhandensein von Spaltnngsflächen steht auch dasWachstum der Krystalle in sehr naher Verbindung. Sohnckezog 1888 aus seinen uns bekannten Studien über die Raumgitterden Schluß, daß der Abstand zweier parallelen Netzebenen um sogrößer ist, je dichter die eine derselben mit Gitterpunkten besetztist, und Groth brachte diese Thatsache in die folgende Fassung:Die Ebenen größter Flächendichte sind zugleich dieEbenen größter Spaltbarkeit. Diese Ebenen bilden sich,wenn der Akt der Krystallisierung im Gange ist, mit relativgrößter Leichtigkeit, weil in ihnen die Moleknlaraktion einen be-sonders geringen Wert annimmt. Bei der Mehrzahl der Krystall-körper sind denn auch die Spaltungsflächen die am meisten aus-gebildeten. Es giebt jedoch auch Ausnahmen, und diese sprechensich am deutlichsten aus in der sogenannten Zwillingsbildnng,einer regelmäßigen Verwachsung, welche nach Mallard (187V)anch dem Auftreten optisch anomaler Krystalle zu Grunde liegt.