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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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771
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Krystallphysik,

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O. Lehmann hat das Wachstum solcher Körper mit seinem obenerwähnten, eigens für solche Zwecke eingerichteten Mikroskope ver-folgt und so die Bedingungen ermittelt, unter welchen die Ver-größerung einen mehr oder minder unregelmäßigen Charakterannimmt. Je schneller sich neue Teile an die zuvor gebildetenGrenzflächen anschließen, je mehr die Viskosität der Lösung wächst,um so wahrscheinlicher ist es, daß eine Alterierung der Regelmäßig-keit bemerkbar wird.

Auf die Krystallphysik, welche das Verhalten der Krystallegegenüber rein mechanischen, optischen, thermischen und magnetischenKräften zu betrachten verpflichtet ist, war schon in früheren Abschnittengelegentlich Bedacht zu nehmen, und statt einer zusammenhängendenDarstellung ihrer neuesten Entwicklungsstadien genügen an dieserStellewenige Worte. Eine selbständige Thermodynamik der Krystallesnchte 1897 v. Fedorow zu begründen. Das eigenartige Phänomeneines Zusammengehens der Krystallisation mit dem Auf-leuchten eines schwachen Lichtes, schon 1858 von H. Rosewahrgenommen, wurde 1896 von E. Bandrowsky zum Gegen-stande besonderer Nachforschung gemacht, die allerdings noch nichtwohl zu abschließenden Ergebnissen führen konnte. Die Piezo-elektrizität, jene von I. und PH. Curie aufgefundene Eigenschaftpyroelektrischer Krystalle, die sich darin äußert, daß nicht nurwie sich von selber versteht Temperaturerhöhungen, sondern auchZug und Druck das Hervortreten von Polarität in gewissen Achsenauslösen, ist von Roentgen und später (1897) höchst umfassend vonW. Voigt (geb. 1850) untersucht worden, der auch die Änderungenfeststellte, welchen Winkel- und Volumengrößen bei irgendwie ge-artetem Drucke unterliegen. Daß auch die optischen Erscheinungenmit betroffen werden, hat F. Pockels bewiesen und als notwendigeFolge der hierüber obwaltenden theoretischen Ansichten erhärtet.Von Faradays Nachweis des Krystallmagnetismus warbereits die Rede; Plücker hat 1849 deu Zusammenhang zwischenSpaltungsrichtung und magnetischer Kraftbethätigung aufgedeckt und1859 die magnetische Induktion bei Krystallen der Prüfungdurch das Experiment unterstellt. Zwischen elektrischer und kalo-rischer Leitungsfähigkeit der Krystalle waltet, wie Matteuccis

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