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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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774 XX. Mineralogie und Petrvgraphie in neuerer und neuester Zeit.

eine ganz strenge Scheidung zwischen beiden sachlich verwandten Dis-ziplinen nicht wohl durchgeführt werden kann. Es sollte jedoch jetztder Übergang zur eigentlichen Gesteinskunde vollzogen werden,und nur der Umstand will noch beachtet sein, daß in neuester Zeitder auch für jeue grundlegende Begriff des Krystalles eine gewisseUmbildung erfuhr, über deren Bedeutung und Einfluß die Aktenzwar noch keineswegs geschlossen sind, an der aber der Historikergewiß nicht achtlos vorübergehen darf. Wir denken hier wenigeran die von H. P. I. Vogelsang (18381874) unterschiedenenKrystallite, mikroskopisch kleine Gebilde, in denen jener Forscherdie gegen polarisiertes Licht sich zunächst noch neutral verhaltendenAnfänge des Krystallisatiousprozesses erblickt, uud denenneuerdings W.Prinz auch die Eisblumen an Fenstern, die vonihm mit hingebendem Fleiße analysiert wurden, zurechnen möchte:wir denken vielmehr hauptsächlich an die durch O. Lehmannsuns bereits bekannteMolekularphysik" eiugeführten flüssigenKrystalle. Die Möglichkeit des wechselseitigen Diffun-dierens fester Körper ist nach Violle und Colon weiteroben (Abschnitt XV) Gegenstand der Besprechung gewesen, nnddaß auch Krystalle, in geeignete Verbindung miteinander gebracht,positiv zusammen fließen können, ist durch Lehmanns Be-obachtungen (189S) als eine jedem Zweifel entrückte Thatsache an-zuerkennen. Die Deutung der einschlägigen Vorkommnisse mußteaber, wie dies nicht anders erwartet werden konnte, zu lebhaftenDiskussionen den Anstoß geben, als deren Niederschlag und einst-weiliges Fazit man Lehmanns erst 1900 veröffentlichte Mono-graphie des flüssigen Krystallznstandes betrachten darf. Dieselbezielt hauptsächlich daraus ab, einen stetigen Prozeß derTransformation von den flüssigen zu den festenKrystallen zn erhärten; die Beweismethode ist wiederum vor-wiegend die mikroskopische, indem beide Arten von Licht, dasPolarisierte wie das natürliche, zur Anwendung gelangen. In-dem der Tropfen der Prüfungsslüssigkeit als solche empfiehltsich Azoxyphenetol am besten zwischen Objektträger undDeckglas frei.spielen konnte, ließ sich in ihm deutlich einekrystallinische Struktnr erkennen; durch Färbnng konnte die