Die Rittersche Schule.
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zeichnung in ganz eindeutiger uud einwurfsfreier Weise zn definieren,und auch die eifrigen Erörterungen, denen der Begriff seitens derGeographie der Gegenwart unterzogen worden ist, führten zu keinervollständigen Verständigung. Eine gewisse Gefahr lag unzweifel-haft in dem Streben, den Boden, auf dem sich die geschichtlichenEreignisse abspielen, als deren unumgängliche Boraussetzung hin-zustellen, und vor allem in einer Zeit, welche noch unter denNachwirkungen des iu Abschnitt II gekennzeichneten naturphilo-sophischen Traumes stand, lag die Gesahr nahe, daß Anhänger derRitterschen Richtung, minder schüchtern, als der Meister selbst,auf Abwege gerieten. Das ist denn auch nicht ausgeblieben. So istz. B. die „Philosophie der Erdkunde oder vergleichende allgemeineErdkunde" (Braunschweig 1845; auch später wieder aufgelegt) vonE.Kapp , so wenig man ihrem Verfasser wird Geist und Kenntnisabsprechen wollen, ein sprechendes Zeugnis für eine Verauickuugder Geographie mit ganz fremdartigen Betrachtungen, wenn anchgewiß interessant sür jeden, der die Übertragung Hegelscher Dok-trinen auf ein dein Anscheine nach dazu ganz ungeeignetes Gebietkenneil lernen will. Am höchsten steht nnter den Schriftstellern,welche die Ritterschen Grundsätze namentlich auch für Schuleund Selbstunterricht fruchtbar zu machen bemüht waren, zweifellosE. A. Th. v. Roon (180S—1879), der berühmte spätere Heeres-organisator des preußischeil Staates. Abgeneigt jedweder Über-treibung, dafür aber im Besitze einer noch gründlicheren mathe-matisch - physikalischen Vorbildnng, als sie Ritter selber eigen war,hat er in seinem nachmals mehrfach umgearbeiteten Lehrbuche(„Grundzüge der Erd-, Völker- und Staatenknnde", Berlin 1832)der strebenden Jugend ein wertvolles Geschenk gemacht, das heutenoch seines hodegetischen Wertes keineswegs verlustig gegangen ist.Anch die explorative Thätigkeit des Geographen hat der BerlinerAltmeister, so wenig ihm anch von fremden Ländern und Völkernmit eigenen Augen zu sehen vergönnt war, mächtig gefördert, undder größte aller Afrika-Reisenden, die es je gegeben hat, HeinrichBarth (1821—1865) holte sich in Ritters Vorlesungen über dasMittelmeerbecken den unstillbaren Trieb, dieses selbst und die esim Süden begrenzenden Negerstaaten zu erforschen.