798 XXI. Der Eintritt der wissenschaftlichen Erdkunde in die Naturwissenschaften.
Geographie ist einerlei mit der von naturwissenschaftlicher Grundlageausgehenden Länderkunde, welche auch als spezielle Erdkundeder aus den drei anderen Disziplinen zusammengesetzten allge-meinen Erdkunde gegenübersteht. Das Wort ist gut gewähltund, worauf einer der gewiegtesten neueren Didaktiker unseresFaches, A. Kirchhofs (geb. 1838) aufmerksam macht, der deutscheuSprache eigentümlich; andere Idiome müssen sich mit einer Um-schreibung behelfen, selbst wenn sie über ausgezeichnete länder-kundliche Sammelwerke verfügen, wie sie etwa die Franzosen vonI. Elisee Reclus (geb. 1830), die Italiener von GiovanniMarinelli (1846—1900) erhalten haben. Statt des in der Thatetwas unbestimmten Wortes physikalische Geographie hat sich neuer-dings auch das Synonym Geophysik — französisch auch „?ir^siczustsi-rsskre", „?li^sicjue <ln Alobs" — eingebürgert, welches derMeteorologe A. A. Mühry (1810—1888) zuerst geprägt zu habenscheint, uud welches später durch K. I. Zoeppritz (1838—1885),einen von der Physik zur Geographie übergetretenen und um dieexakte Behandlung geographischer Probleme überaus verdientenGelehrten, bei uns recht eigentlich eingebürgert worden ist. WaSGerlands Motiv für seine antianthropogevgraphische Stellung-nahme anlangt, so gipfelt es hauptsächlich in der Abneigung, fürdie nämliche Wissenschaft eine Berechtigung zweier verschiedenerMethoden anzuerkennen, und in Wirklichkeit muß ja auch dieForschungsmethode eine andere sein, je nachdem man es mit dennach unwandelbarer Regel sich abspielenden Erscheinungen derunbelebten Natur oder aber mit Geschehnissen zu thun hat, dieauch von dem wechselnden Willen des Menschen beeinflußt erscheinen.Gegen diese scharfe Trennung wird aber eben von anderer Seiteeingewendet, daß die Erdkunde ihrem innersten Wesen nach alsGrenzgebiet nicht ans ein scharf umgrenztes UntersuchuugS-verfahren angewiesen sei, sondern ihr Vorgehen nach der Eigenartder ihr vorgelegten Fragen einzurichten habe. Auf alle Fälle jedochwird man Gerland so weit entgegenkommen dürfen, daß man dieallerinnigsten Wechselbeziehungen zwischen der Geographie einesteils,der Natnrwissenschaft — und zwar ganz besonders deranorganische n— anderenteils als. gegeben annimmt und ersterer damit auch das