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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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Die Geographie auf der Hochschule.

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Recht zuspricht in einem Geschichtswerke, wie diesem, ihren Platzeingeräumt zu erhalten.

Dies wird um so einleuchtender, wenn man dazu übergeht, dieEntwicklung der Erdkunde zum akademischen Nominalfache zuverfolgen. Professoren und Professuren des Lehrfaches hat es auchschon in früherer Zeit gegeben, aber immer nur mehr zufällig undgelegentlich. Übrigens ist auch in dieser Beziehung Deutschland vorangegangen; die junge Universität Göttingen berief zu Aufaugder fünfziger Jahre des 18. Jahrhunderts die drei FreundeI. Tob. Mayer, Lowitz und Franz als Professoren der Astro-nomie, der praktischen Mathematik und der Geographie, die bisdahin in Nürnberg sür das große kartographische Atelier vonI. B. Homann und zugleich für die mit diesem enge verbundenekosmographische Gesellschaft thätig gewesen waren. Im neuenJahrhundert war, wie wir erfuhren, Ritter der erste Universitäts-lehrer der nach Anerkennung ringenden Wissenschaft, aber noch beiseineil Lebzeiten fand das von Berlin gegebene Beispiel Nach-ahmuug. Göttingen erhielt in I. E. Wappaeus (18121879),Wien in F. Simony (Abschnitt VI), treffliche Vertreter der Erd-kunde, doch waren einstweilen noch die Arbeitsgewohnheiten derdrei Männer so verschiedene, daß Fernerstehende der inneren Zn-sammengehörigkeit der nach drei scheinbar ganz selbständigen Rich-tungen gegliederten Disziplinen kaum bewußt werden konnten. Erstseik 1870 kam neues Leben in die akademische Geographie. Peschelübernahm den für ihn neu gegründeten Lehrstuhl in Leipzig , dessenZierde er beklagenswerter Weise mir vier Jahre bilden sollte;H. Guthe (18251374) wurde au das Polytechnikum in München berufen, wo ihm freilich auch nur eine kurz dauernde Wirksamkeitvergönnt war; in Berlin trat H. Kiepert (18101899) dasErbe Ritters an. Und in dem Maße, wie es möglich war, diegeeigneten Persönlichkeiten dafür zu gewinnen, folgten die anderenHochschnlen nach, so daß im Jahre 1900 nur noch zwei Univer-sitäten dentscher Zunge Rostock und Basel einer selbständigengeographischen Professur entbehrten. Aber auch das Ausland bliebsehr bald schon nicht mehr hinter dem deutschen Vorbilde zurück; ja,einzelne Staaten schlugen sogar ein noch lebhafteres Tempo ein.