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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
882
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ggZ XXIII. Erdinessung und Erdphysik in der zlveilen Hnlfte des Jahrhunderts.

periodischen konischen Umlauf der augenblicklichen, stetswechselnden Rotationsachse nm die ursprüngliche Erd-achse bewirken. Diese ältere Theorie bildete G. Schiaparelli (De lg, rot^tion cls In kerre sous 1'inllusneö äss g,etion8 Aeolo^ic^uss",Zt. Petersburg 1889) mit direkter Beziehung ans die Erde weiteraus, iudem er deren Starrheitsgrad dnrch die von ihm eingeführteAdaptiouskonstaute numerisch kennzeichnete und die Art undGröße der Achsenverschiebnng als Funktion jener Große aus-drückte. Durch Verbesserung eines älteren Verfahrens der Pol-hv Hebestimmung von Horrebow (Abschnitt XIV), welche demAmerikaner Talcott verdankt wird, konnte F. Küstner (geb. 1856)die von M.Nyren (geb. 1837), Wanach und A.Hall an Einzelfällenerkannte, ebeu auf jene Ursache znrückzusührende Veränderuugvou geographischen Breiten allgemein verifizieren. Da er-sichtlich eine solche Veränderung sür zwei um 180° abstehendeErdorte gleich groß ausfallen, aber das entgegengefetzte Vorzeichentragen muß, so wurden Korrespondenzbeobachtuugeu zwischenden deutschen Sternwarten nnd Honolulu , wo A. Mnrcusemehrere Monate lang beobachtete, verabredet, und wenn man sürDeutschland und Hawaii die Ergebnisse graphisch darstellte, fandsich der Erwartung gemäß, daß beide Kurven sich wechsel-seitig als Objekt und Spiegelbild zugeordnet waren.Marcuse, der für diesen Zweck ein photographisch es Zenit-teleskop konstruierte, Kostinsky, Gnillot u. a. haben den Sach-verhalt noch eingehender verfolgt, und van de Sande Bakhuhzeuwies 1893 nach, daß die Polschwanknngen seit 1855 mit denPegelschwankungen im Hafen von Helder korrespondieren. Dieneuesten Untersuchungen hat man von Chandler, M.Gonnessiat,van de Sande Bakhuyzeu und vor allem von TH.K. Albrecht(geb. 1843), welch letzterer iu fortlaufenden, inhaltreichen Berichtender Gelehrtenwelt die ueuesten Fortschritte auf diesem geophysikalischüberaus wichtigen Gebiete bekannt giebt. Die vierzehnmonat-liche Periode vou Chaudler scheint als gesichert angesehenwerden zn können, wenngleich darüber, ob dieselbe ganz konstantoder innerhalb gewisser Grenzen selbst wieder veränderlich ist, nochweitere Forschung entscheiden mnß.