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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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18401850.

seiner einstigen Todfeinde. Er hatte sich selbst abgethan. Unddoch lesen wir die besten Stücke der ersten Sammlung, so zucktunwillkürlich auch uns noch die Hand. Sie sind lebenskräftig ge-blieben, weil sie bei aller Flachheit wahr gewesen sind, aus einemwirklichen Gefühl gedichtet, ehrlich, sogar naiv. Er hätte derTheodor Körner der Revolution werden können; mit einem langenLeben voll bitterer Einsamkeit hat er es gebüßt, daß er einstmalsdem Tode auswich.

An diese charakteristische» Fignren reihen sich zahlreiche kleinereGenossen. Da ist der produktive Robert Prutz (18161872),ein trefflicher überzeugungstreuer Mann mit einem leichtflüssigenTalent, der in seinen Liedern Hosfmann von Fallersleben, in seinerzum Teil glänzenden aristophanischen KomödieDie politischeWochenstube" (1843) Platen folgte; der gemütvolle LudwigSeeger (18101864), dem am besten die symbolische Ausdeutungkräftig gezeichneter großer Naturbilder gelang: ein Nachzügler dereigentlichen Revolutionslyriker, der kunstgewandte Ludwig Pfau ' (18211894) aus Heilbronn , ein Meister der Ballade, ein origi-neller Kritiker, ein unvergleichlicher Übersetzer. Ihm gelang es, diedeutsche Litteratur mit einem sremden Werk wahrhast zu bereichern:er verdeutschte denOnkel Benjamin" des liebenswürdigen, tapferenund guten französischen Schulmeisters Claude Tillier (18021844) so glänzend (1865), daß dieser ebenso gemütvolle als ge-sinnungsvolle humoristische Roman in Deutschland berühmter undbekannter ward als in seiner Heimat.

Alles machte politische Gedichte. Der Freiherr von Helfert, derbekannte österreichische Staatsmann und Historiker, hat denWienerParnaß im Jahre 1848" genau beschrieben: für jeden Tag sindzahlreiche Lieder, gereimte Satiren, Aufrufe in Versen gesammelt,jedes Gedicht ruft Entgegnungen oder Beifallsbezeugungen hervor.Über 2000 Nummern sind für ein Jahr und einen Ort belegt!So war es über ganz Deutschland . Unübersichtlich wurde derChorus der politischen Lyriker. Man konnte gar nicht widerstehen;man mußte sich beteiligen. Da war der junge Rudolf Gott-schall (geb. 1823) aus Breslau ; er war dazu bestimmt, in kühlerkluger Anwendung einer sorgfältig studierten Poetik Gedichte, Ro-mane (Im Banne des schwarzen Adlers" 1876,Das goldeneKalb" 1880), Trauerspiele in unübersehbarer Fülle aus seiner Handhervorgehen zu lassen, historische und zeitgemäße; vor allem aber war